Zwischen zwei Welten

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violettera Avatar

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Daniel Speck ist ein versierter Erzähler, bekannt für seine epischen Romane, in denen er spannende Schicksale mit dem passenden geschichtlichen Hintergrund schildert und dabei viel Zeitgeist vermittelt. Ich mag diesen durchaus unterhaltsamen Mix. Villa Rivolta beginnt und endet im Jahr 1979 in Italien, der damals 14jährige Tonino erzählt im Rückblick, wie seine Kindheit endete. Aber gleich folgt eine Rückblende. Tonino ist gegen seinen Willen unterwegs mit seiner Mutter, und auf der langen Autofahrt durch Italien erzählt sie ihm ihre Geschichte. Diese mehrfach durch verschiedene Erzähler – Autor, Tonino, seine Mutter – und Zeitebenen gefilterten Berichte sind ein Stilmittel, das irritiert und bereichert. Durch den Roman ziehen sich zwei Zeitebenen, von 1945 bis 1967 zum einen, 1979 zum andern.
Im Mittelpunkt der Handlung steht Toninos Mutter Valeria. 1945 steht die Vierjährige an der Hand ihrer Mutter Caterina mit vielen anderen Bewohnern auf der Piazza und hört den Schuss, mit dem die Deutschen ihren Vater hinrichten. Der Vater war der Schmied des Ortes, Partisan und nach seinem Tod Held des Vaterlands. Nach einem Hungerwinter bekommt Caterina Arbeit als Haushälterin in der Villa der reichen Familie Rivolta in Bresso. Dankbar zieht sie mit ihrer Tochter Valeria in die Villa Rivolta und wird eine vorbildliche Bedienstete. Valeria verbringt dort eine glückliche Kindheit, besonders im herrlichen Garten, wo sie mit Piero spielen kann, dem Sohn der Rivoltas. Während Caterina die strikte Trennung der Gesellschaft in Fortunati, mit dem Glück Gesegnete, und Sfortunati, die wie sie auf der Schattenseite des Lebens stehen, verinnerlicht hat und ihrer Tochter weitergibt, erfährt Valeria mit Piero den Beginn einer lebenslangen tiefen Freundschaft mit einem Jungen, zu dessen Welt sie als Tochter einer Bediensteten eigentlich keinen Zugang haben dürfte.
Der Hauptteil der Handlung spielt 1965-67 in politisch und gesellschaftlich sehr bewegten Zeiten, auch in Italien. Valeria ist erwachsen, sie will ihren eigenen Weg gehen und steht doch zwischen zwei extrem gegensätzlichen Welten, derjenigen der reichen Rivoltas, die sie als Kind kennenlernen durfte, und der ihrer Mutter, ihrer Herkunft und einem Leben in Armut. Und sie steht zwischen zwei Männern, dem vom Glück gesegneten Piero und dem rebellischen Studenten Flavio, der aus einer armen Migrantenfamilie stammt. In einer Gesellschaft, die noch sehr stark von alten Traditionen und Moralvorstellungen geprägt ist, wird sie schwanger mit Tonino.
Die 600 Seiten des Romans schildern unzählige aufregende Ereignisse, überbordende Emotionen, Höhepunkte und Tiefschläge aller Art. Manches schrammt hart am Rand vom Kitsch vorbei. Manches bleibt an der Oberfläche, anderes rätselhaft, findet keine Aufklärung, auch das Ende bleibt offen. Das muss kein Fehler sein, aber die Lektüre lässt für mich zu viele Fragen offen. Vielleicht deutet sich hier eine Fortsetzung an. Dennoch hatte ich mir von diesem Roman mehr erwartet.