Geheimnisvolle Seelenverwandte unter Wasser

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Rena Ortegas „Wale – Geheimnisvolle Riesen. Ein interaktives Spielbuch“

Schon der erste optische Eindruck macht Freude: Das Buch ist ästhetisch, liebevoll und kindgerecht gestaltet – und dabei ebenso schön anzusehen für Erwachsene, Vorlesende und Betreuende. Die verschiedenen Walarten sind in ihren unterschiedlichen Ausprägungen anatomisch genau und zugleich mit einer poetischen Anmutung dargestellt; auch die Unterwasserwelt ist wunderbar gezeichnet. So wird bereits in den Bildern etwas vom Zauber dieser besonderen Tiere spürbar, mit denen wir Menschen erstaunlich viel gemeinsam haben und mit denen uns so vieles verbindet.

Rena Ortegas Recherchen über die geheimnisvollen Riesen führten sie unter anderem nach Island. In ihrem „Dankeschön“ erzählt sie von Menschen, die sich in der Skjálfandi-Bucht liebevoll um die Wale kümmern, und von einer Freundin, durch deren Inspiration die Wale ihr Leben „für immer veränderten“. Diese Liebe und Begeisterung bilden den Grundton des ganzen Buches. Sie sind auf jeder Seite zu spüren – und verbinden sich mit einer fachlich fundierten und zugleich hervorragend kindgerechten Aufbereitung.

Denn beim Lesen – und Spielen – erfährt man eine Menge hochinteressanter Dinge über diese erstaunlichen Wesen. Vielleicht liegt ein Teil unserer Faszination für Wale und Delfine gerade darin, dass sie in einem Lebensraum leben, der von unserem so verschieden ist, und uns zugleich in vielem überraschend ähnlich erscheinen.

Zunächst lernen wir die unterschiedlichen Wal- und Delfinarten kennen: von den „sanften Riesen“, den Bartenwalen, über die „schnellen Jäger“, die Zahnwale, bis zu den „geselligen Wellenreitern“, den Delfinen. Wir erfahren etwas über ihren Körperbau und ihre anatomischen Besonderheiten, ihre Ernährungsweise und darüber, wie sie sich im Laufe von Jahrmillionen an das Leben im Wasser angepasst haben.

Dabei versteht es das Buch, Bewunderung für diese Lebewesen der Superlative zu wecken: für ihre gewaltige Größe, ihre erstaunlichen Tauchtiefen oder ihre Wanderungen über Zehntausende von Kilometern durch die Weltmeere. Zugleich lädt es dazu ein, genau hinzuschauen und die Unterschiede zwischen den einzelnen Wal- und Delfinarten wahrzunehmen. Aus dem Staunen über das Außergewöhnliche entsteht so ein genauerer, differenzierter Blick auf die Tiere selbst.

Und der Blick weitet sich noch einmal: auf ihre Lebensräume und die empfindlichen Ökosysteme der Meere, auf Zyklen, Rhythmen und ökologische Zusammenhänge, in denen Wale selbst eine wichtige Rolle spielen. Die Tiere erscheinen dadurch nicht isoliert, sondern als Teil eines großen, lebendigen Beziehungsgefüges. Auch darin liegt für mich eine besondere Stärke des Buches: Es vermittelt nicht nur didaktisch sehr gut aufbereitetes Wissen „über“ Wale, sondern lässt etwas davon erahnen, wie eng Leben miteinander verbunden ist.

Dabei gibt es auch für Erwachsene, die glauben, schon einiges über Wale und Delfine zu wissen, Überraschendes zu entdecken. Ich selbst hatte beispielsweise zuvor noch nie etwas von einem Cuvier-Schnabelwal, einem Blainville-Schnabelwal oder einem Risso-Delfin gehört.

Besonders faszinierend sind die Kapitel über die Kommunikation, die Sprachen der Wale und Delfine. Kindgerecht und zugleich wissenschaftlich fundiert wird erklärt, wie sie sich mithilfe von Lauten und Echoorientierung in ihrer Unterwasserwelt zurechtfinden und miteinander verständigen. Ihre Kommunikation ist vielschichtig und reicht über für uns kaum vorstellbare Distanzen. Und sie singen: Die Gesänge der Buckelwale sind längst legendär.

Dabei werden die Lesenden – oder besser: die Entdeckenden – immer wieder direkt angesprochen und zum Nachdenken und Mitdenken eingeladen: durch Fragen wie „Wie können sich Wale und Delfine in den Tiefen der Ozeane verständigen?“ oder kleine Aufforderungen wie „Rate mal …“ und „Stell dir vor …“. So entsteht beinahe ein fortwährendes Gespräch zwischen Autorin und Lesenden. Wissen wird nicht einfach präsentiert, sondern Neugier geweckt. Fantasie und Vorstellungsvermögen werden ebenso angesprochen wie der eigene Forschergeist.

Dazu passen die Anregungen zum kreativen Gestalten, zum Beobachten und zum Anlegen eines dokumentierenden Journals. Kinder werden nicht nur zum Lesen und Staunen eingeladen, sondern auch zum eigenen Beobachten, Entdecken, Fragenstellen und Forschen. Das Buch vermittelt Wissen, ohne mit Informationen zu überladen.

Besonders berührend wird es dort, wo es um das soziale und emotionale Leben, um „Familienbande“, Gemeinschaft und Fürsorge geht. Hier treten die Ähnlichkeiten zwischen Walen, Delfinen und uns Menschen besonders deutlich hervor. Wie wir sind Wale und Delfine sensible und sehr kluge Wesen. Sie leben in Familiengemeinschaften, pflegen enge Beziehungen und sorgen füreinander. Bei der Geburt unterstützen „Hebammen“ die Gebärende, helfen dem Baby an die Wasseroberfläche, damit es seinen ersten Atemzug nehmen kann. Das Walbaby trinkt Muttermilch und schwimmt Seite an Seite mit der Mutter. „Babysitter“ – Waltanten oder Großmütter – betreuen das Walkind, wenn beispielsweise eine Pottwalmutter in der Tiefe auf Nahrungssuche geht. Das „Familienteam“ hält zusammen und unterstützt einander.

Und wie Menschenkinder lieben besonders Delfine es zu spielen. Sie haben Spielgefährten, tollen miteinander durchs Wasser und lernen spielerisch ihre Welt kennen. Ihre Gemeinschaft, mit der sie gemeinsam durch die Meere ziehen, wird als „Schule“ bezeichnet. Gerade solche kleinen sprachlichen und inhaltlichen Brücken machen es Kindern leicht, Vertrautes im zunächst so fremden Leben unter Wasser wiederzuentdecken.

So werden Wale und Delfine nicht nur zu faszinierenden Forschungsobjekten, sondern zu fühlenden, sozialen Wesen, in denen wir etwas von uns selbst wiedererkennen können. Das schafft Nähe, ohne ihre Andersartigkeit aufzuheben – und trägt dazu bei, Empathie und Mitgefühl für diese wunderbaren Mitgeschöpfe zu wecken.

Gerade für Kinder scheint mir dieser Zugang besonders wertvoll. Es geht nicht nur darum, Wissen über Tiere anzusammeln, sondern darum, genau hinzuschauen, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu entdecken – und dabei Empathie für unsere Mitgeschöpfe und Achtung vor der Natur zu entwickeln.

Auch die großen ökologischen Fragen unserer Gegenwart finden Eingang in das Buch. Die Bedrohung der Meere und ihrer Bewohner durch die Klimakrise wird dabei nicht ausgeblendet, ohne dass Kindern deren ganze Schwere zugemutet wird.

Wale werden vielmehr als „echte Klimahelden“ vorgestellt. Damit taucht das Motiv der Heldinnen und Helden auf – und auch das scheint mir didaktisch klug gewählt. Kinder brauchen Heldinnen und Helden. Vielleicht brauchen wir sie alle: Wesen und Geschichten, die uns nicht nur zeigen, was bedroht ist, sondern die uns staunen lassen, Verbundenheit wecken und etwas Hoffnungsvolles vermitteln.

Und Kinder können sich mit ihnen identifizieren. Sie begegnen den Walen und Delfinen nicht nur als gewaltigen, fremdartigen Tieren, sondern lernen sie als soziale, fühlende und miteinander verbundene Wesen kennen: als Babys, Mütter, Tanten und Großmütter, als Spielende, Singende, Reisende und füreinander Sorgende. Gerade diese Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit macht sie vielleicht zu so faszinierenden „Seelenverwandten unter Wasser“. Aus dem Staunen kann Nähe entstehen – und aus der Nähe der Wunsch, diese Tiere und ihre Lebensräume zu schützen.

„Wale – Geheimnisvolle Riesen“ ist deshalb viel mehr als ein Buch „über“ Wale und auch mehr als ein interaktives Spielbuch. Es ist ein Buch zum spielerischen Lernen, zum Entdecken, zum Fragenstellen und Selbst-Forschen. Und es ist ein Buch über Beziehung: über unsere Verbindung zu Walen und Delfinen und darüber hinaus zu der Mitwelt, die wir mit anderen Lebewesen teilen.

Denn was wir kennenlernen, kann uns berühren. Was uns berührt, kann uns wichtig werden. Und wozu wir eine Beziehung entwickeln, dafür sind wir vielleicht auch eher bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Nur wenn wir eine Beziehung zu Tieren und zur Natur aufbauen, wenn wir unsere Verwandtschaft mit anderen Lebewesen nicht nur verstehen, sondern auch erspüren, kann jene Leidenschaft entstehen, die wir brauchen, um sie bewahren und schützen zu wollen. Rena Ortega ist mit diesem wunderschönen Buch ein Beitrag dazu gelungen.

Wäre ich Erzieherin, Grundschullehrerin oder Mutter eines Kindes ab etwa sechs oder sieben Jahren: Ich würde dieses Buch kaufen!