Geständnis

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Wencke Mühleisens Roman beginnt mit einer scheinbar idyllischen Urlaubsszene in Triest – und endet im emotionalen Ausnahmezustand. Erika und Jan, beide 65, sind seit Jahrzehnten verheiratet. Doch unter der Oberfläche hat sich eine schmerzhafte Distanz ausgebreitet. Erika leidet seit Jahren unter dem körperlichen Liebesentzug ihres Mannes, fühlt sich nicht mehr begehrt, zweifelt an sich und ihrem Älterwerden. Im Urlaub gesteht Jan schließlich seine Affäre mit einer deutlich jüngeren Frau – ein Schock, der Erikas ohnehin fragiles Selbstwertgefühl erschüttert.

Schon zuvor war ihr Leben von Verlust geprägt: der Tod des Bruders, eine beunruhigende Diagnose beim Arzt. Nun gerät auch die Ehe ins Wanken. In intensiven, kurzen Kapiteln schildert die Autorin Erikas innere Achterbahnfahrt zwischen Wut, Eifersucht, Scham und Sehnsucht. Dabei bleibt sie ehrlich und schonungslos. Erika ist keine makellose Heldin – auch sie hat vor Jahren betrogen –, sondern eine vielschichtige Frau, die sich fragt, wann und wie die Liebe verloren ging.

Der klare, direkte Stil macht die Geschichte zugänglich und zugleich tiefgründig. Themen wie Altern, Sexualität, Selbstwert und langjährige Beziehungsdynamiken werden lebensnah verhandelt. Manche Dialoge wirken drastisch, einige Entwicklungen überraschend abrupt, doch gerade das unterstreicht die emotionale Unruhe der Figuren.

Wencke Mühleisen zeichnet ein authentisches Bild einer Ehekrise im Alter – ohne Kitsch, dafür aber mit viel Empathie. Ein nachdenklicher, ehrlicher Roman über Verletzlichkeit, Rollenbilder und die Frage, ob und wie ein Neuanfang mit 65 noch möglich ist.