Gut gemachte Geschichte
Ein letztes Abendessen in Triest bei 20 °C im Oktober. Sie lassen den Abend mit gefüllten Paprika ausklingen. Erika und Jan, seit sechsundvierzig Jahren Erika und Jan.
Sie hatte den ganzen Frühling und Sommer ihrem älteren Bruder Kai beim Sterben zugesehen. Hatte viele Stunden an seinem Bett gesessen und dabei zugesehen, wie er ihr entglitt. In ihrer Selbstbezogenheit hatte sie gedacht, es könne schlimmer nicht kommen, doch dann hat ihr Gynäkologe eine Zellveränderung am Gebärmutterhals festgestellt.
Diese Oktoberwoche haben sie und Jan sich gegönnt. Sie, um wieder näher an Jan ranrücken zu dürfen. Erika leidet unter der Distanz, die ein stressiger Alltag zwischen sie geschoben hat. Sie sehnt sich leidenschaftlich nach Jans Blick, der ihr sagt, dass er sie will, nach seinen Händen, die sie packen.
Sie will Jan zum Frühstück rufen, öffnet die Schlafzimmertür und sieht ihn nackt auf dem Bauch liegen, ein Bein angewinkelt. Sie möchte sich neben ihn legen, seinen Nacken und die Schulterblätter liebkosen, die Wirbelsäule hinab bis zu den festen Pobacken, aber sie steht im Türrahmen und weiß, dass er sie seinen Körper nicht aufbrechen lässt. Seit sieben Jahren entzieht er sich ihr. Sie spürt die Tränen, die ihre Wangen hinabrinnen, weiß, dass sie ihn liebt, dass sie ihn will und schämt sich zugleich ihrer Bedürftigkeit.
Auf dem Bürgersteig vor der kleinen Trattoria sitzen sie sich gegenüber. Erika trinkt einen großen Schluck von ihrem Rotwein und hofft, Jan würde diesmal mehr als ein Glas nehmen. Sie will ihn wieder einmal fragen, was sie tun kann, wie sie attraktiver für ihn werden kann, doch Jan kommt ihr zuvor: „Erika, ich muss dir was sagen …“
Fazit: Wencke Mühleisen beschäftigt sich schriftstellerisch mit den Themen Gender, Sexualität, Feminismus und Politik. In dieser Geschichte widmet sie sich einer 65-jährigen Ehefrau und Mutter, die ihren Mann liebt und unter seinem körperlichen Liebesentzug leidet. Ihr Mann gesteht ihr eine andere Frau zu haben und erschüttert Erika schwer. Die Autorin zeigt versiert die Schwachstellen einer Beziehung. Wie versehrt wir alle durch familiäre Erfahrungen sind. Wie wir diese unbewussten Baustellen aus falschen Vorstellungen, Erwartungen und Fehlinterpretationen mit in eine Beziehung nehmen und dort weitertoben lassen. Zuerst kämpft Erika wie eine Löwin um die Beziehung. Der Schock spült alle möglichen Bilder in ihr Gehirn, mit denen sie sich quält. Die Eifersucht ist ausufernd, das Ego omnipräsent. Während der folgenden Paartherapie lernt Erika ihren Mann und sich selbst besser zu lesen. Die Geschichte ist hochaktuell und ich freue mich, dass Wencke Mühleisen sie zeigt. Es passiert häufig, dass Frauen mittleren Alters von ihren Männern wegen jüngeren Frauen verlassen werden. Männer in der depressiven midlife crisis, die plötzlich ihr ganzes Dasein infrage stellen. Und so schrecklich das auf den ersten Blick wirkt, liegt in einem Neuanfang auch eine große Chance für beide. Leider haben Frauen Erikas Generation internalisiert, dass sie ohne Kerl nicht klarkommen. Und ein wenig unterstreicht das Ende des Buches diese Ideologie auch und da hätte ich mir etwas frischeres gewünscht. Aber so what, die Geschichte ist gut gemacht, stringent, glaubhaft, mit zwei gut gezeichneten Charakteren. Für alle, die gerne Doris Knecht oder Julia Schoch lesen.
Sie hatte den ganzen Frühling und Sommer ihrem älteren Bruder Kai beim Sterben zugesehen. Hatte viele Stunden an seinem Bett gesessen und dabei zugesehen, wie er ihr entglitt. In ihrer Selbstbezogenheit hatte sie gedacht, es könne schlimmer nicht kommen, doch dann hat ihr Gynäkologe eine Zellveränderung am Gebärmutterhals festgestellt.
Diese Oktoberwoche haben sie und Jan sich gegönnt. Sie, um wieder näher an Jan ranrücken zu dürfen. Erika leidet unter der Distanz, die ein stressiger Alltag zwischen sie geschoben hat. Sie sehnt sich leidenschaftlich nach Jans Blick, der ihr sagt, dass er sie will, nach seinen Händen, die sie packen.
Sie will Jan zum Frühstück rufen, öffnet die Schlafzimmertür und sieht ihn nackt auf dem Bauch liegen, ein Bein angewinkelt. Sie möchte sich neben ihn legen, seinen Nacken und die Schulterblätter liebkosen, die Wirbelsäule hinab bis zu den festen Pobacken, aber sie steht im Türrahmen und weiß, dass er sie seinen Körper nicht aufbrechen lässt. Seit sieben Jahren entzieht er sich ihr. Sie spürt die Tränen, die ihre Wangen hinabrinnen, weiß, dass sie ihn liebt, dass sie ihn will und schämt sich zugleich ihrer Bedürftigkeit.
Auf dem Bürgersteig vor der kleinen Trattoria sitzen sie sich gegenüber. Erika trinkt einen großen Schluck von ihrem Rotwein und hofft, Jan würde diesmal mehr als ein Glas nehmen. Sie will ihn wieder einmal fragen, was sie tun kann, wie sie attraktiver für ihn werden kann, doch Jan kommt ihr zuvor: „Erika, ich muss dir was sagen …“
Fazit: Wencke Mühleisen beschäftigt sich schriftstellerisch mit den Themen Gender, Sexualität, Feminismus und Politik. In dieser Geschichte widmet sie sich einer 65-jährigen Ehefrau und Mutter, die ihren Mann liebt und unter seinem körperlichen Liebesentzug leidet. Ihr Mann gesteht ihr eine andere Frau zu haben und erschüttert Erika schwer. Die Autorin zeigt versiert die Schwachstellen einer Beziehung. Wie versehrt wir alle durch familiäre Erfahrungen sind. Wie wir diese unbewussten Baustellen aus falschen Vorstellungen, Erwartungen und Fehlinterpretationen mit in eine Beziehung nehmen und dort weitertoben lassen. Zuerst kämpft Erika wie eine Löwin um die Beziehung. Der Schock spült alle möglichen Bilder in ihr Gehirn, mit denen sie sich quält. Die Eifersucht ist ausufernd, das Ego omnipräsent. Während der folgenden Paartherapie lernt Erika ihren Mann und sich selbst besser zu lesen. Die Geschichte ist hochaktuell und ich freue mich, dass Wencke Mühleisen sie zeigt. Es passiert häufig, dass Frauen mittleren Alters von ihren Männern wegen jüngeren Frauen verlassen werden. Männer in der depressiven midlife crisis, die plötzlich ihr ganzes Dasein infrage stellen. Und so schrecklich das auf den ersten Blick wirkt, liegt in einem Neuanfang auch eine große Chance für beide. Leider haben Frauen Erikas Generation internalisiert, dass sie ohne Kerl nicht klarkommen. Und ein wenig unterstreicht das Ende des Buches diese Ideologie auch und da hätte ich mir etwas frischeres gewünscht. Aber so what, die Geschichte ist gut gemacht, stringent, glaubhaft, mit zwei gut gezeichneten Charakteren. Für alle, die gerne Doris Knecht oder Julia Schoch lesen.