Hat die Sehnsucht nach Leben ein Ablaufdatum?
"Etwas muss passieren, dachte ich. Etwas muss sich bewegen. Alles ist besser als die Eintönigkeit der letzten Jahre."
Erika ist seit über vierzig Jahren mit Jan verheiratet. Seit acht Jahren hat er sie nicht mehr berührt. Dabei ist sie eine Frau, die sich stark nach körperlicher Nähe, Zuneigung und Sex sehnt. Auch mit 65 Jahren. Sie versucht sich damit abzufinden, sich in der asexuellen Ehe einzurichten, schlägt sogar vor, sich gegenseitig sexuell freizustellen. Am letzten Abend im Italienurlaub eröffnet ihr Jan dann das Undenkbare: Er hat seit anderthalb Jahren eine sexuelle und romantische Beziehung mit einer 15 Jahre jüngeren Frau. Für Erika bricht eine Welt zusammen. Bis sie beginnt sich zu fragen: Kann sie aus diesen Trümmern vielleicht etwas Neues bauen?
Es ist eine Geschichte, wie wir sie schon tausendmal gehört haben. Eine unendlich lange Beziehung, die eingeschlafen ist. Verletzungen und Verrat auf beiden Seiten. Mühsame Versuche, das gemeinsame Leben aufrecht zu erhalten. Zumindest die Fassade. Und das glückt auf gewisse Weise auch, denn Jan und Erika sind zusammen geblieben, auch nach Erikas "Seitensprung" vor 20 Jahren. Obwohl Jan damals die Scheidung wollte. Sie haben sich zurückgekämpft. Doch ob das zum Besten war? Ab dann litt die Beziehung, unter Jans Eifersucht, Erikas verzweifelten Versuchen der Wiedergutmachung, den gegenseitigen Vorwürfen, dem graduellen Verschließen der Herzen. Erika spürt diese Entfremdung zutiefst, vor allem auf körperlicher Ebene. Es ist auch eine Geschichte weiblicher Selbsterkundung: Wir haben es mit einer älteren Protagonistin zu tun - Erika ist 65 - die sehr an physischer Berührung hängt, die sehr intensiv über Sex fantasiert und dringend welchen möchte. Am allerliebsten mit Jan, der ihr dieses Bedürfnis aber seit 8 Jahren nicht erfüllen will. Wie schon in meiner Rezension zu "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen", drängt sich mir hier die Frage auf: Warum soll es so wichtig sein, ausgerechnet von gerade "diesem einen Mann" geliebt und begehrt zu werden? Warum wird daran alles gekoppelt, an diese absurde Hoffnung, die eigenen Bedürfnisse könnten wie durch ein Wunder von gerade dem Menschen befriedigt werden, der sich rundheraus weigert, diese Bedürfnisse überhaupt nur zu sehen? Warum geht Erika nicht, und sorgt selbst dafür, dass ihre Bedürfnisse Erfüllung finden, statt auf diesen Mann zu warten und absurde Hoffnungen auf ein Wiederaufleben zu setzen? Es bleibt mir schleierhaft, und ihr, glaube ich, auch.
Im Verlauf der Geschichte besuchen die beiden also eine Paartherapie, in der auch Jan sehr viel Unmut und Schmerz äußert. Wir hören seine Worte aber aus Erikas Ich-Perspektive. Sie bleibt nahbarer, sie bleibt der Bezugspunkt der Geschichte. Man sieht Jan als schwachen, unterbutterten Menschen, der nie den Mut aufbrachte, sich zu befreien, und das jetzt stattdessen auf hinterhältige Weise versucht - immer unter Berufung darauf, dass Erika ihm das ja auch angetan hat, vor 20 Jahren. Spätestens, wenn es an das Thema Rache geht, sollte jeder gesunde Mensch eine Beziehung beenden, finde ich. Ich kann nicht anders als dieses Aneinander-Festhaften, das die beiden, oder zumindest Erika, "Liebe" nennen, toxisch zu finden. Erika ist finanziell unabhängig, es gibt keine Kinder mehr, die im Haus sind und auf die Rücksicht genommen werden müsste, sie könnte einfach gehen und sich den Rest des Lebens schön gestalten. Und glücklicherweise tauchen diese Gedanken bei ihr auch immer wieder auf, sind eine Art Rettungsanker, quasi die Erlösung von allen quälenden Fragen. Mit der Trennung wäre auf einen Schlag alles erledigt, es gäbe schlichtweg nichts mehr zu lösen. Man wünscht es sich für Erika, die ihre eigenen Fehler einsieht, aber eben an der Vergangenheit auch nichts mehr ändern kann. Denn ja, das Leben geht noch eine ganze Weile weiter, und nur weil frau 65 ist, hat sie nicht das Recht auf Liebe, Lust und Leidenschaft verloren. Dafür gibt es kein Ablaufdatum, genauso wenig wie für die Gier nach dem Leben. Das Leben endet, wenn man tot ist, basta. Und genauso lange sollte man das Leben eben leben, so gut man kann. Mit diesem Thema berührt der Roman ein tief verwurzeltes Thema weiblicher Selbstwahrnehmung: Dass das Alter entmündigt, dass es das Recht nimmt, etwas zu wollen, dass es hässlich macht und entbehrlich. Wir haben mit Erika eine untypische Protagonistin - eine mutige und wichtige Entscheidung in den Reihen feministischer Literatur zum Thema Beziehungen derzeit, in der für das Altern doch häufig Blindheit herrscht.
Ich habe den Roman in einem Rutsch gelesen, da er mich sehr gefesselt hat. Es passiert nicht viel, es ist primär ein Nachdenken, ein Beschreiben der Beziehung, mit kurzen Ausflügen in die Sitzungen bei der Paartherapie. Aber Erikas Innenwelt, ihre verzweifelten Kämpfe und ihre Reflexionen über die Beziehung, das Frausein und das Leben an sich waren mitreißend. Gerade, wenn man selbst schon einmal solche Gefühle und Gedanken durchgestanden hat.
Erika ist seit über vierzig Jahren mit Jan verheiratet. Seit acht Jahren hat er sie nicht mehr berührt. Dabei ist sie eine Frau, die sich stark nach körperlicher Nähe, Zuneigung und Sex sehnt. Auch mit 65 Jahren. Sie versucht sich damit abzufinden, sich in der asexuellen Ehe einzurichten, schlägt sogar vor, sich gegenseitig sexuell freizustellen. Am letzten Abend im Italienurlaub eröffnet ihr Jan dann das Undenkbare: Er hat seit anderthalb Jahren eine sexuelle und romantische Beziehung mit einer 15 Jahre jüngeren Frau. Für Erika bricht eine Welt zusammen. Bis sie beginnt sich zu fragen: Kann sie aus diesen Trümmern vielleicht etwas Neues bauen?
Es ist eine Geschichte, wie wir sie schon tausendmal gehört haben. Eine unendlich lange Beziehung, die eingeschlafen ist. Verletzungen und Verrat auf beiden Seiten. Mühsame Versuche, das gemeinsame Leben aufrecht zu erhalten. Zumindest die Fassade. Und das glückt auf gewisse Weise auch, denn Jan und Erika sind zusammen geblieben, auch nach Erikas "Seitensprung" vor 20 Jahren. Obwohl Jan damals die Scheidung wollte. Sie haben sich zurückgekämpft. Doch ob das zum Besten war? Ab dann litt die Beziehung, unter Jans Eifersucht, Erikas verzweifelten Versuchen der Wiedergutmachung, den gegenseitigen Vorwürfen, dem graduellen Verschließen der Herzen. Erika spürt diese Entfremdung zutiefst, vor allem auf körperlicher Ebene. Es ist auch eine Geschichte weiblicher Selbsterkundung: Wir haben es mit einer älteren Protagonistin zu tun - Erika ist 65 - die sehr an physischer Berührung hängt, die sehr intensiv über Sex fantasiert und dringend welchen möchte. Am allerliebsten mit Jan, der ihr dieses Bedürfnis aber seit 8 Jahren nicht erfüllen will. Wie schon in meiner Rezension zu "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen", drängt sich mir hier die Frage auf: Warum soll es so wichtig sein, ausgerechnet von gerade "diesem einen Mann" geliebt und begehrt zu werden? Warum wird daran alles gekoppelt, an diese absurde Hoffnung, die eigenen Bedürfnisse könnten wie durch ein Wunder von gerade dem Menschen befriedigt werden, der sich rundheraus weigert, diese Bedürfnisse überhaupt nur zu sehen? Warum geht Erika nicht, und sorgt selbst dafür, dass ihre Bedürfnisse Erfüllung finden, statt auf diesen Mann zu warten und absurde Hoffnungen auf ein Wiederaufleben zu setzen? Es bleibt mir schleierhaft, und ihr, glaube ich, auch.
Im Verlauf der Geschichte besuchen die beiden also eine Paartherapie, in der auch Jan sehr viel Unmut und Schmerz äußert. Wir hören seine Worte aber aus Erikas Ich-Perspektive. Sie bleibt nahbarer, sie bleibt der Bezugspunkt der Geschichte. Man sieht Jan als schwachen, unterbutterten Menschen, der nie den Mut aufbrachte, sich zu befreien, und das jetzt stattdessen auf hinterhältige Weise versucht - immer unter Berufung darauf, dass Erika ihm das ja auch angetan hat, vor 20 Jahren. Spätestens, wenn es an das Thema Rache geht, sollte jeder gesunde Mensch eine Beziehung beenden, finde ich. Ich kann nicht anders als dieses Aneinander-Festhaften, das die beiden, oder zumindest Erika, "Liebe" nennen, toxisch zu finden. Erika ist finanziell unabhängig, es gibt keine Kinder mehr, die im Haus sind und auf die Rücksicht genommen werden müsste, sie könnte einfach gehen und sich den Rest des Lebens schön gestalten. Und glücklicherweise tauchen diese Gedanken bei ihr auch immer wieder auf, sind eine Art Rettungsanker, quasi die Erlösung von allen quälenden Fragen. Mit der Trennung wäre auf einen Schlag alles erledigt, es gäbe schlichtweg nichts mehr zu lösen. Man wünscht es sich für Erika, die ihre eigenen Fehler einsieht, aber eben an der Vergangenheit auch nichts mehr ändern kann. Denn ja, das Leben geht noch eine ganze Weile weiter, und nur weil frau 65 ist, hat sie nicht das Recht auf Liebe, Lust und Leidenschaft verloren. Dafür gibt es kein Ablaufdatum, genauso wenig wie für die Gier nach dem Leben. Das Leben endet, wenn man tot ist, basta. Und genauso lange sollte man das Leben eben leben, so gut man kann. Mit diesem Thema berührt der Roman ein tief verwurzeltes Thema weiblicher Selbstwahrnehmung: Dass das Alter entmündigt, dass es das Recht nimmt, etwas zu wollen, dass es hässlich macht und entbehrlich. Wir haben mit Erika eine untypische Protagonistin - eine mutige und wichtige Entscheidung in den Reihen feministischer Literatur zum Thema Beziehungen derzeit, in der für das Altern doch häufig Blindheit herrscht.
Ich habe den Roman in einem Rutsch gelesen, da er mich sehr gefesselt hat. Es passiert nicht viel, es ist primär ein Nachdenken, ein Beschreiben der Beziehung, mit kurzen Ausflügen in die Sitzungen bei der Paartherapie. Aber Erikas Innenwelt, ihre verzweifelten Kämpfe und ihre Reflexionen über die Beziehung, das Frausein und das Leben an sich waren mitreißend. Gerade, wenn man selbst schon einmal solche Gefühle und Gedanken durchgestanden hat.