Ich wünsche Erika einen Neuanfang

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katma Avatar

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Erika und Jan sind beide 65, seit über 40 Jahren verheiratet, haben einen erwachsenen Sohn. Ihre Beziehung ist respektvoll aber seit 8 Jahren ohne körperliche Nähe. Alles schon tausendmal gehört. Was die Geschichte von anderen abhebt, ist, dass sich in diesem Fall Erika nach Sex sehnt und Jan derjenige ist, der ihn verwehrt. Als er ihr in einem Urlaub dann gesteht, dass er bereits seit anderthalb Jahren ein Verhältnis zu einer deutlich jüngeren Frau hat, die beide kennen und die, laut Erika, deutlich unattraktiver ist als sie selbst, zieht das Erika den Boden unter den Füßen weg. Was nun kommt, haben viele von uns schon erlebt – Erika sitzt in einer Achterbahn der Gefühle, wütet, zweifelt, stalkt die Geliebte, kämpft um ihre Ehe. Schließlich begeben sich die Eheleute in Therapie. Aber macht das wirklich Sinn, die Beziehung ohne körperliche Liebe – denn Jan bleibt bei seiner Einstellung, dass er sich keine körperliche Liebe mehr mit seiner Frau mehr vorstellen kann und an der Beziehung zu seiner Geliebten festhalten will – fortzusetzen? Erika stellt sich viele Fragen und lässt die Leserin daran teilhaben. Ihre Gedanken springen hin und her und manchmal hat mich ihr selbstverletzendes Verhalten richtig geschmerzt. Ich hätte ihr am liebsten zugerufen: „Warum gehst Du nicht und suchst Dir einen Mann, der dich will?“ Immerhin kommen ihr diese Gedanken zwischendurch selbst, das lässt mich hoffen.
Das Büchlein, dessen Cover mich richtiggehend angezogen hat, liest man schnell durch, der Text ist fesselnd und ich habe mich oft in Erikas klugen Gedanken wiedergefunden. Was mir nicht so gut gefallen hat, waren die derbe Wortwahl bei Erikas Sexgedanken, damit habe ich mich unwohl gefühlt, was vielleicht mehr über mich als über Wencke Mühleisen aussagt. Die Autorin spricht Klartext, drastisch, konsequent und ehrlich. Manchmal auch witzig. Ich konnte ihren inneren Kampf fühlen und das macht den Roman zu einem, der berührt und manchmal auch weh tut.