Neue Lebenswege

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
sarolue Avatar

Von

Der Roman „Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?“ von Wencke Mühleisen, übersetzt aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, macht bereits mit seinem ungewöhnlichen Titel neugierig. Auch die Gestaltung des Buches wirkt eher ruhig und nachdenklich und passt damit gut zu der introspektiven Geschichte, die stark von inneren Gedanken und Gefühlen geprägt ist.

Im Mittelpunkt steht die Erzählerin Erika, die gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner Jan einen Urlaub in Italien verbringt. Schon früh wird deutlich, dass ihre Beziehung seit Jahren von emotionaler Distanz geprägt ist. Als Jan schließlich gesteht, dass er eine Beziehung zu einer jüngeren Frau hat, gerät Erikas bisheriges Leben ins Wanken. Der Roman konzentriert sich jedoch weniger auf äußere Handlung als auf Erikas Gedankenwelt: Erinnerungen an gemeinsame Jahre, Zweifel, Sehnsucht nach Nähe und Fragen nach Liebe, Treue und dem eigenen Wert im Älterwerden.

Der Schreibstil ist sehr intensiv und persönlich. Wencke Mühleisen beschreibt Erikas Gedanken oft wie einen inneren Monolog, der zwischen Erinnerungen, Selbstzweifeln und Beobachtungen hin- und herspringt. Dadurch entsteht ein sehr direkter Zugang zu der Hauptfigur. Gleichzeitig überrascht der Text immer wieder mit trockenem Humor und selbstironischen Momenten, die die ernsteren Themen auflockern. Die relativ kurzen Kapitel und der gedankenartige Erzählfluss sorgen dafür, dass man schnell in den Lesefluss kommt.

Die Figuren wirken dabei sehr authentisch. Besonders Erika erscheint als komplexe und widersprüchliche Persönlichkeit: verletzlich, selbstkritisch und gleichzeitig sehr ehrlich in Bezug auf ihre Wünsche und Ängste. Auch Jan bleibt keine eindimensionale Figur, sondern wird als Teil einer langjährigen Beziehung dargestellt, die von gemeinsamen Erinnerungen, aber auch von unausgesprochenen Konflikten geprägt ist.

Besonders interessant fand ich, dass der Roman Themen behandelt, die in der Literatur nicht oft so offen angesprochen werden: Sexualität, Begehren und Selbstzweifel im Alter sowie die Frage, wie sich eine Beziehung über Jahrzehnte verändert. Gerade diese schonungslose, aber zugleich kluge Auseinandersetzung mit Liebe und Partnerschaft macht das Buch spannend.

Ein ruhiger, psychologisch dichter Roman über Liebe, Alter und die Komplexität langjähriger Beziehungen. Das Buch regt zum Nachdenken über eigene Beziehungen und Lebenswege an – und genau das macht seinen besonderen Reiz aus.