Ungewöhnlich und ernster als erwartet

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duckyputz Avatar

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Der Roman erzählt von Erika und Jan, einem Ehepaar Mitte sechzig, das seit vielen Jahren verheiratet ist. Während eines gemeinsamen Urlaubs in Norditalien gesteht Jan seiner Frau, dass er seit längerer Zeit eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Frau hat. Für Erika kommt dieses Geständnis völlig überraschend und erschüttert ihr Selbstbild ebenso wie ihre Beziehung. Zurück zu Hause versuchen beide, mithilfe einer Paartherapie ihre Ehe zu retten. Dabei kommen auch alte Konflikte wieder an die Oberfläche, etwa eine Affäre, die Erika selbst vor zwanzig Jahren hatte.
Der Roman konzentriert sich stark auf Erikas Perspektive und ihr emotionales Erleben. Ihre Verzweiflung, ihre Kränkung und ihre Selbstzweifel werden ausführlich geschildert. Besonders die Themen Altern, Körperlichkeit und das Bedürfnis nach Nähe spielen eine wichtige Rolle. Die Frage, wie sich Liebe und Begehren in einer langen Beziehung verändern, wird dabei immer wieder aufgegriffen. Diese innere Sicht ist eine der Stärken des Buches: Die Gefühle der Hauptfigur wirken nachvollziehbar und realistisch beschrieben. Dabei kommt der humorvolle Aspekt, den ich aufgrund des Klappentextes und des Covers erhofft hatte, zu kurz.
Zudem hat die starke Fokussierung auf Erikas Gedanken auch Nachteile. Viele Passagen kreisen immer wieder um dieselben Fragen und Zweifel, sodass sich der Text stellenweise wiederholt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Handlung kaum vorankommt. Auch Jan bleibt als Figur relativ blass und bekommt wenig Raum für eine eigene Perspektive, obwohl die Beziehungsgeschichte eigentlich von beiden Seiten geprägt ist.
Der Roman ist insgesamt gut lesbar und greift ein interessantes Thema auf: Beziehungen im späteren Lebensabschnitt und der Umgang mit Verletzungen aus der Vergangenheit. Gleichzeitig hätte der Geschichte an einigen Stellen mehr Entwicklung und neue Impulse gutgetan. Trotz dieser Schwächen regt das Buch zum Nachdenken über Partnerschaft, Selbstbild und den Umgang mit alten Wunden an. Es ist ein deutlich ernsteres Buch, als ich es erwartet hatte.