Vertrauen und Lust

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sylviagabelmann Avatar

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Eine Beziehungserkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman: „Wer in einer Liebesbeziehung weniger will, hat mehr Macht.“ Mit dieser bitteren Wahrheit sind wohl viele Menschen im Laufe ihres Lebens konfrontiert worden. Genau an diesem Punkt setzt Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? von Wencke Mühleisen an.

Der Roman erzählt in einer klaren, teilweise schonungslos direkten Sprache von zerstörtem Vertrauen, nicht erwiderter Lust und der Erfahrung des Älterwerdens. Im Mittelpunkt steht eine Beziehung, deren emotionales Ungleichgewicht immer deutlicher zutage tritt: Nähe und Begehren sind ungleich verteilt, Macht und Verletzlichkeit ebenso. Die Autorin scheut sich nicht, diese Dynamiken offen und stellenweise sehr drastisch zu schildern.

Gerade diese kompromisslose Offenheit ist jedoch auch der Punkt, an dem meine Erwartungen an das Buch nicht ganz erfüllt wurden. Der Klappentext hatte für mich eine vielschichtigere Auseinandersetzung mit Liebe, Begehren und Alter versprochen. Stattdessen kreist die Handlung über weite Strecken um eine vertraute Problematik – das Ungleichgewicht in einer Beziehung – ohne wirklich neue Perspektiven oder einen möglichen Ausweg zu eröffnen.

Mit zunehmender Lektüre empfand ich den Text daher eher als ermüdend und stellenweise quälend. Die wiederholte Rückkehr zu denselben Konflikten verstärkt zwar die Ausweglosigkeit der Situation, ließ mich als Leserin aber zunehmend auf Distanz gehen. Hinzu kommt eine Sprache, die zeitweise sehr drastisch wirkt und für mich nicht immer einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn brachte.

So bleibt am Ende ein Roman, der zwar wichtige und reale Beziehungserfahrungen anspricht, mich jedoch emotional nicht vollständig erreichen konnte. Die grundlegende Beobachtung über Machtverhältnisse in der Liebe ist treffend – doch die literarische Umsetzung erschien mir letztlich zu einseitig und wenig befreiend.