Wenn alles wankt

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liniheg Avatar

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Als Scheidungskind habe ich oft nur von außen zugesehen – aber dieses Buch hat mir gezeigt, wie viel Schmerz, Verzweiflung und Wut in den Menschen wohnen können, die wir lieben. Es macht greifbar, wie ein einziger Satz das ganze Leben erschüttern kann.

Erika und Jan sind seit Jahrzehnten ein Paar: sie haben zusammen gelebt, gestritten, geliebt, einen Sohn großgezogen. Doch Nähe gibt es längst nicht mehr – zumindest nicht zwischen ihnen. Während eines Urlaubs in Triest gesteht Jan Erika, dass er eine Affäre mit einer jüngeren Frau hat. Ihre jahrzehntelange Ehe gerät ins Wanken.

Beide sind über sechzig. Jan hat schon lange das Interesse an körperlicher Nähe zu Erika verloren, während Erikas Begehren nie verschwunden ist. Was zunächst wie ein Ausschnitt aus einer müde gewordenen Beziehung wirkt, entwickelt sich zu einer intensiven Reise in Erikas Inneres: Wut, Kränkung, Eifersucht und Selbstzweifel.

Erika stürzt von einer Gedankenspirale in die nächste, entfacht Rachefantasien und Zweifel an sich selbst.

Der Roman schafft Nähe: Man sitzt mit ihr im Restaurant, spürt ihre beklemmende Hilflosigkeit, ihre verzweifelten Gedanken und das brennende Bedürfnis, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Auf eindrucksvolle Weise thematisiert das Buch Sexualität, Begehren und Körperlichkeit im Alter sowie die Frage nach Selbstwert und Identität. Ein unbequemer, ehrlicher Roman über Liebe, Verletzlichkeit und das, was Menschen in Jahrzehnten einer Beziehung wirklich bewegt – ein Buch, das berührt und manchmal richtig wehtut.