Wohin wird Erikas Reise sie führen?

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Der Roman fällt aufgrund des ästhetischen, farbenfrohen Covers und des einprägsamen Titels auf, sodass mein Interesse geweckt und meine Erwartungen hoch waren. Was ist in welchem Alter üblich? Diese Frage ist schon verbunden mit einer Einschränkung, aber sollten wir uns nicht von den gängigen Konventionen und Normen loslösen und so leben dürfen, wie wir wollen, egal in welchem Alter? Diese Thematik beschäftigt auch Erika, nachdem sie bei einem gemeinsamen Urlaubsessen mit ihrem Mann, der ihr mitteilt, dass er schon seit längerer Zeit ein Verhältnis mit einer jüngeren Frau hat. Zuerst fällt Erika, die gleich wie ihr Mann, 65 Jahre alt ist, in Schockstarre, dann beginnt sie zu reflektieren. Erika wollte immer mehr körperliche Nähe zu ihrem Mann Jan und wurde von ihm zurückgewiesen und jetzt ist genau er derjenige, der sich wieder jung fühlt und für Marie, die 15 Jahre jünger ist als sie, bemüht und alles gibt. Als Leser*in kann man Erikas Gefühlschaos sehr gut nachvollziehen. Sie ist verletzt, wütend, traurig, zutiefst enttäuscht und auch verzweifelt, sodass sie überlegt, trotzdem bei ihrem Mann zu bleiben und sich mit weniger zufrieden zu geben, obwohl sie mehr möchte. Die Autorin erzählt aus der Ich-Perspektive aus der Sichtweise von Erike, somit erhält man auch in Erikas Gefühlswelt einen intimeren Einblick, während Jan weiterhin verschlossen und wortkarg wirkt. In einer Beziehung gibt es immer jemanden, der mehr liebt und der mehr will, aber derjenige, der weniger will, hat mehr Macht. Unmöglich finde ich Jans Anforderung an Erika, indem er ihr im Zuge der Paartherapie mitteilt, er hoffe, dass sie akzeptieren wird, dass er weiterhin mit Marie zusammen ist. Dadurch spielt er mit Erikas Gefühlen, hält sie weiterhin in seiner Nähe und bindet sie emotional an sich, obwohl es für sie enorm verletzend ist. Auch eine Affäre, die Erika vor langer Zeit hatte, wird wieder aufgewärmt und mit der aktuellen Situation verglichen. Jans verletzte Gefühle über die er nie gesprochen hat, sind wohl nie geheilt, auch nicht seine Eifersucht und die negative Einstellung zur körperlichen Liebe Erika gegenüber. Vielleicht hätte eine Paartherapie zum damaligen Zeitpunkt ihnen helfen können, ihrer Beziehung noch eine Chance zu geben, aber jetzt ist es dafür schon zu spät.
„Man kann auf viele Arten ein gutes Leben haben“ – diese Erkenntnis hat Erika am Ende des Romanes, allerdings bleibt noch recht vage, wie genau sie sich dies in ihrem Leben vorstellt und wohin ihre Reise sie führen wird. Dieser fehlende Ausblick hat mir ein wenig gefehlt, sodass das Ende zu offen gehalten bleibt. Auf alle Fälle lädt die Autorin zum eigenen Reflektieren und Nachdenken ein und das Buch hallt auch noch nach dem Lesen nach, wenn auch nicht ganz so intensiv, wie ich es mir gewünscht hätte.