Ein leiser Roman über Frauen im Aufbruch

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markuszm Avatar

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Schon das Cover hat mich angesprochen. Es zeigt die Frauen, um die es in diesem Buch geht, und vermittelt sofort die ruhige, nachdenkliche Stimmung der Geschichte. Ich habe ein Buch erwartet, das von Frauen im Aufbruch erzählt, und genau das habe ich auch bekommen.

Im Mittelpunkt steht der Übergang vom Studentinnenleben hin zum Erwachsensein. Das Buch erzählt keine einzelne, geradlinige Handlung, sondern begleitet mehrere junge Frauen, die alle an einem Wendepunkt stehen. Ihre Geschichten sind miteinander verbunden, bleiben aber individuell. Jede von ihnen kämpft mit eigenen Sorgen, mit Geheimnissen, verlorener Liebe oder der Angst vor dem, was vor ihnen liegt. Gerade diese Vielfalt hat mich berührt, weil keine Figur stellvertretend für alle steht.

Der Schreibstil hat mir insgesamt gut gefallen. Die Beschreibungen sind schön und oft sehr feinfühlig. Allerdings empfand ich das Buch nicht durchgehend als spannend. Es gibt Stellen, an denen viel passiert und die emotional stark sind, aber auch längere Passagen, die sich für mich gezogen haben. An manchen Punkten musste ich mich regelrecht durch den Text arbeiten. Dadurch wirkt der Roman stellenweise etwas langatmig. Ich hätte mir gewünscht, dass die einzelnen Frauen klarer voneinander getrennt erzählt werden, vielleicht in kürzeren, fokussierteren Kapiteln pro Figur statt in diesen vier sehr langen Abschnitten mit fließenden Übergängen.

Trotz dieser Kritik hat mich das Buch nachhaltig beschäftigt. Besonders stark fand ich, wie deutlich es zeigt, wie schwierig es für Frauen war, sich aus einem traditionellen Lebensentwurf zu lösen und einen eigenen Weg zu suchen. Der Konflikt zwischen einem Leben, das von Erwartungen geprägt ist, und dem Wunsch nach Emanzipation und Individualität zieht sich durch alle Geschichten. Er wirkt trotz des Alters des Romans erstaunlich aktuell. Die Frage, wer man sein möchte und wie viel man dafür aufgeben muss, ist zeitlos.

Insgesamt ist Was vor uns liegt kein Buch für schnelles Lesen oder große Spannung, sondern eines, das Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die Interesse an psychologischer Tiefe und weiblichen Lebensentwürfen haben. Gerade der zeitliche Bezug zwischen den beiden Weltkriegen ist eine gute Zeitkapsel in diese Vergangenheit.