Frauen, Freundschaft und Selbstbestimmung

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katerose Avatar

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Ich habe "Was vor uns liegt" von Alba de Céspedes mit großem Interesse gelesen, weil mich Geschichten über Frauenleben und Selbstbestimmung in historischen Kontexten besonders ansprechen. Der Roman spielt 1934 im Rom des aufkommenden Faschismus und begleitet acht junge Frauen, die im Grimaldi‑Konvikt studieren und miteinander Freundschaft, Hoffnungen und Zweifel teilen. Jede der Protagonistinnen hat eigene Träume von Bildung, Unabhängigkeit und einem Leben jenseits der engen gesellschaftlichen Erwartungen, doch gleichzeitig trägt jede auch Geheimnisse und Widersprüche in sich.

Besonders gefallen hat mir, wie differenziert die Autorin die Lebensentwürfe der Frauen darstellt. Die Figuren wirken vielschichtig, ihre Hoffnungen, Ängste und inneren Konflikte sind nachvollziehbar und bleiben glaubwürdig. Die Erzählung ist kein klassischer Plot mit klaren Höhepunkten, sondern ein vielstimmiges Porträt, das Freundschaft, Selbstzweifel und gesellschaftliche Zwänge in den Vordergrund stellt. Diese leisen, innerlichen Konflikte haben mich oft nachdenken lassen, weil sie auch heute noch relevant wirken.

Die Schreibweise ist ruhig sowie beobachtend und die verschiedenen Perspektiven geben einen guten Einblick in die Vielfalt weiblicher Lebenswege unter restriktiven äußeren Bedingungen. Ich habe besonders geschätzt, wie die Autorin den Blick auf die individuellen Wünsche und Zwänge jeder Frau richtet und so ein lebendiges Gesamtbild der Zeit vermittelt.

Einige Aspekte haben mir jedoch nicht ganz so gut gefallen. Die Erzählung ist stellenweise sehr detailreich und manche Handlungsstränge bleiben länger unklar, sodass der Lesefluss manchmal gehemmt wird. Auch hätten mir einige Figuren noch klarere innere Orientierungspunkte gewünscht, um ihre Entscheidungen und Entwicklungen noch intensiver nachvollziehen zu können. Zum Ende hin hätte ich mir außerdem etwas mehr Kontrast oder eine deutlicher spürbare Richtung gewünscht, statt des offenen Nachklingens der einzelnen Geschichten.

Insgesamt ist "Was vor uns liegt" für mich ein anspruchsvoller und reflektierter Roman, der seine Stärke in der Vielstimmigkeit und im genauen Blick auf persönliche und gesellschaftliche Konflikte hat. Ich habe beim Lesen viel über die historischen Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Selbstbestimmung gelernt und immer wieder über einzelne Szenen nachgedacht. Für Leserinnen und Leser, die Literatur mögen, die nachdenklich macht und feine Zwischentöne zeigt, ist dieses Buch auf jeden Fall lohnenswert.