Grandiose Wiederentdeckung
Was für ein Buch! Obwohl die Erstausgabe bereits 1938 erschien, wirkt Alba de Céspedes Debütroman in vieler Hinsicht, als wäre er heute geschrieben. Wundervolle Sprache, tolle Figuren, hier passt für mich einfach alles. Die Übersetzung von Esther Hansen ist ein Genuss. De Céspedes verwebt die Geschichten von acht Frauen, die während ihres Studiums im katholischen Grimaldi-Konvikt leben, unter den mehr oder minder strengen Nonnen.
Ihre Charaktere orchestriert sie dabei mit feinem Gespür, so dass sich die Blickwinkel ständig verschieben, neue Facetten auftauchen und doch die Botschaft immer klar bleibt: Frauen müssen über ihr Leben selbst bestimmen. Das geht nicht ohne Brüche, Tränen und Verletzungen: Selbst die Protagonist*innen, denen es gelingt gesellschaftliche Fesseln abzuwerfen, bleiben sie doch an anderer Stelle weiterhin gebunden. Am tragischsten schildert de Céspedes das anhand der Nonne, die zur Mutter Oberin wird, und damit im Netz des Konvikts verfängt, das sie selbst geschaffen hatte.
Wer könnte vergessen, schon einmal selbst über sich bestimmt zu haben? Und für die Leute auf dem Land ist doch eine Frau, die allein gelebt hat, eine verlorene Frau. Wer zu Hause geblieben ist und aus der Autorität des Vaters in jene des Ehemannes übergeben wurde, verzeiht uns nicht, dass wir einen eigenen Schlüssel hatten und selbst entscheiden konnten, wann wir kommen und gehen. Und die Männer verzeihen uns nicht, dass wir studiert haben, dass wir genauso viel wissen wie sie.
Allein bei diesem Fokus auf die Frauenschicksale und das klare Plädoyer für einen aufgeklärten Feminismus kann ich mir gut vorstellen, warum die faschistischen Behörden unter Mussolini das Buch zwei Jahre nach seinem Erscheinen verboten. Im Faschismus sollen Frauen ihren Platz kennen und dem Führer Kinder gebären. (Der antifeministische und antidemokratische Backlash singt gerade ein Lied davon.) Gleich acht intelligente Frauen zu zeigen, die spüren, wie es anders sein könnte, reicht in einem solchen System schon für ein Verbot aus. De Céspedes webt darüberhinaus weitere Systemkritik ein, versteckter, vermutlich auch, um der Zensur zu entgehen. Auch in dieser Hinsicht fand ich „Was vor uns liegt“ spannend zu lesen.
Ein grandioser Lesegenuss und eine tolle Wiederentdeckung. Ich will auf alle Fälle noch weitere Bücher der Autorin lesen. Begeisterte 5 von 5 Sternen.
Ihre Charaktere orchestriert sie dabei mit feinem Gespür, so dass sich die Blickwinkel ständig verschieben, neue Facetten auftauchen und doch die Botschaft immer klar bleibt: Frauen müssen über ihr Leben selbst bestimmen. Das geht nicht ohne Brüche, Tränen und Verletzungen: Selbst die Protagonist*innen, denen es gelingt gesellschaftliche Fesseln abzuwerfen, bleiben sie doch an anderer Stelle weiterhin gebunden. Am tragischsten schildert de Céspedes das anhand der Nonne, die zur Mutter Oberin wird, und damit im Netz des Konvikts verfängt, das sie selbst geschaffen hatte.
Wer könnte vergessen, schon einmal selbst über sich bestimmt zu haben? Und für die Leute auf dem Land ist doch eine Frau, die allein gelebt hat, eine verlorene Frau. Wer zu Hause geblieben ist und aus der Autorität des Vaters in jene des Ehemannes übergeben wurde, verzeiht uns nicht, dass wir einen eigenen Schlüssel hatten und selbst entscheiden konnten, wann wir kommen und gehen. Und die Männer verzeihen uns nicht, dass wir studiert haben, dass wir genauso viel wissen wie sie.
Allein bei diesem Fokus auf die Frauenschicksale und das klare Plädoyer für einen aufgeklärten Feminismus kann ich mir gut vorstellen, warum die faschistischen Behörden unter Mussolini das Buch zwei Jahre nach seinem Erscheinen verboten. Im Faschismus sollen Frauen ihren Platz kennen und dem Führer Kinder gebären. (Der antifeministische und antidemokratische Backlash singt gerade ein Lied davon.) Gleich acht intelligente Frauen zu zeigen, die spüren, wie es anders sein könnte, reicht in einem solchen System schon für ein Verbot aus. De Céspedes webt darüberhinaus weitere Systemkritik ein, versteckter, vermutlich auch, um der Zensur zu entgehen. Auch in dieser Hinsicht fand ich „Was vor uns liegt“ spannend zu lesen.
Ein grandioser Lesegenuss und eine tolle Wiederentdeckung. Ich will auf alle Fälle noch weitere Bücher der Autorin lesen. Begeisterte 5 von 5 Sternen.