Große Figuren, zu wenig Raum

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
miss_jenny Avatar

Von

Was vor uns liegt beginnt als vielversprechendes und atmosphärisch dichtes Gruppenporträt. Das Rom der 1930er-Jahre, das abgeschlossene Leben im Grimaldi-Konvikt und die acht jungen Frauen mit ihren unterschiedlichen Sehnsüchten und Widersprüchen entfalten schnell eine große Sogwirkung. Besonders gelungen ist, wie Alba de Céspedes Nähe zwischen Leser*in und Figuren aufbaut: Man lernt die Protagonistinnen nicht nur kennen, sondern begleitet sie in ihren Hoffnungen, Unsicherheiten und inneren Kämpfen, was das Lesen über weite Strecken sehr bereichernd macht. Die Freundschaft unter den Frauen, ihre stillen Rebellionen gegen gesellschaftliche Erwartungen und die leisen Spannungen zwischen Solidarität und Eifersucht sind fein beobachtet und oft überraschend modern.
Gerade deshalb wiegt die strukturelle Schwäche des Romans umso schwerer. Während der Mittelteil sich viel Zeit für psychologische Entwicklung nimmt, wirkt das letzte Viertel zunehmend unausgeglichen. Zentrale Konflikte, die zuvor sorgfältig aufgebaut wurden, verlieren an Tiefe oder werden abrupt abgehandelt. Entwicklungen, die eigentlich Raum und Nachhall bräuchten, erscheinen plötzlich verkürzt oder funktional, als müsse der Roman einem vorgegebenen Endpunkt entgegenarbeiten. Diese Beschleunigung nimmt den Figuren ihre zuvor so überzeugende Komplexität und lässt manche Entscheidungen eher konstruiert als organisch erscheinen.
Besonders enttäuschend ist, dass der Roman seinem eigenen Anspruch, eine radikale Darstellung moderner Frauenleben zu sein, zum Ende hin nicht konsequent treu bleibt.