Lebt wohl!

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Die Autorin Alba de Céspedes hat ihren Roman “Was vor uns liegt” schon im Jahr 1934 verfasst, das Buch war seinerzeit verboten und wurde jetzt wieder aufgelegt. In der neuen Übersetzung wird die Autorin nun wiederentdeckt und wir nehmen Anteil an dem Leben acht junger Frauen in Rom, vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Im Italien der 30er Jahre war die politischen Situation vom Faschismus geprägt und die Moralvorstellungen sowie die Rollenerwartungen an die Frauen unterschieden sich sehr von den heutigen gesellschaftlichen Strukturen. Es handelt sich um einen lesenswerter Entwicklungsroman, in dem wir die jungen Frauen begleiten und mehr über ihre Ansichten, Erlebnisse, Hoffnungen und Schwierigkeiten erfahren.
Die acht junge Frauen studieren an der Universität und leben gemeinsam in einem von Nonnen geführten Konvikt. Die ledigen Frauen finden hier ein Zuhause auf Zeit und erfahren untereinander durchaus Freundschaft und Solidarität. Doch es gibt strenge Regeln und am Abend werden sie eingeschlossen und das Licht wird von den Nonnen um 22 Uhr ausgeschaltet. Im Schein der Petroleumlampe treffen sich einige der Bewohnerinnen, sie lernen zusammen und es werden Pläne geschmiedet. Acht verschiedene Lebensentwürfe prallen aufeinander. Anna, Augusta, Emanuela, Milly, Silvia, Valentina, Vinca, und Xenia sind fleißig und bemüht positiv in die Zukunft zu blicken. Mehrere von ihnen kommen aus kleinen italienischen Dörfern, wohin sie keineswegs zurück wollen. Doch wie soll ihre Zukunft aussehen? Ihr Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung zeigt sich auf verschiedene Weise doch außer dem Ziel einer Eheschließung gibt es wenig Alternativen. Besonders Augusta, die nicht wie die anderen Literatur studiert, sondern an einem Roman arbeitet, stellt sich die Frage, nach einer Zukunft ohne Mann. Sie möchte ihr Leben eigenverantwortlich gestalten, aber leider findet sie für ihr Buch keinen Verlag. Als Älteste bleibt sie für eine lange Zeit in dem Studentenwohnheim wohnen, mit wenig Perspektive.
Vinca kommt aus Andalusien und verliebt sich in einen Landsmann, der zurück nach Spanien geht, in den Krieg zieht und sie letztlich verlässt. Ihre Gefühle und Sorgen um den geliebten Mann werden anschaulich beschrieben. Xenia, die ihre Prüfung an der Universität nicht geschafft hat, wird zur Geliebten verschiedener Männer. Sie lebt zwar gut von deren Geld, findet aber nicht zu dem Leben, das sie sich gewünscht hat. Emanuela hat ein Geheimnis, das sie außerordentlich belastet. Sie hat eine uneheliche Tochter und überlegt sogar einmal, ob es nicht besser wäre, wenn das Kind nicht mehr leben würde. Emanuela hat keine echte Beziehung zu dem Mädchen und erst am Ende des Buches finden die beiden, bedingt durch eine weitere Krise, mehr zueinander.
Alba de Céspedes Frauenfiguren hatten die Chance auf Bildung, was für Frauen damals nicht selbstverständlich war. Man ist beim Lesen interessiert und manchmal fasziniert von den verschiedenartigen Entwicklungen und Lebensentwürfen. Alba des Céspedes hat schon vor langer Zeit diesen feministisch geprägten Roman geschrieben, der auch den heutigen Lesern und Leserinnen etwas sagt. Vieles hat sich geändert, doch der Kampf vieler Frauen um Anerkennung und Selbständigkeit ist auch heute noch oder sogar wieder aktuell. Ich denke, “Was vor uns liegt” ist ein sehr lesenswertes Buch. Der Buchumschlag ist in hellen Farben gehalten, es sind Frauen zu sehen, die wir förmlich durch das Schlüsselloch sehen und ein wenig ins Leben begleiten.