Progressiv & feministisch

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"Was vor uns liegt" ist der Debütroman von Alba de Céspedes aus dem Jahr 1938. Unter Mussolini wurde der Roman verboten - de Céspedes schrieb unbeiirt weiter, gründete eine Zeitschrift und war stets politisch aktiv. Von ihren Werken gibt es kaum Neuauflagen und aktuelle Übersetzungen, daher ist es eine umso größere Freude, dass der Insel Verlag "Was vor uns liegt" neu veröffentlicht hat.
In dem Roman geht es um acht junge Frauen, die 1934 in einem Konvikt in Rom leben. Jede hat ihre eigene Motivation dort zu sein und arbeitet mal mehr, mal weniger intensiv an ihrem Bildungsabschluss. Die Frauen kommen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen - aus dem Dorf, aus der Stadt - mit ihren eigenen Erwartungen an das Leben. Aber was heisst das eigentlich zu "leben"? Wieviel davon wird ihnen gestattet, was können sie sich nehmen? Braucht es Unterstützung Anderer oder reicht es, sie selbst zu sein? In dem Schutz der Gruppe trotzen sie der Einsamkeit und entwickeln ein Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse. Die Mauern beginnen zu bröckeln, die Angst wird beiseite gelegt und vorangeschritten...
Der Roman beschreibt weibliche Sehnsüchte so pointiert wie ich es für die 30er Jahre nie vermutet hätte. So folgen wir der Figur Emanuela, deren Name passenderweise "Gott sei mit uns" bedeutet, die wenig Gefühl für ihr eigenes Kind aufbringen mag oder Xenia, die geschickt materialistische Freuden geniesst. Wir lernen Silvia kennen, die relativ schnell erfährt, dass sie viel mehr drauf hat als ihr eigener Professor und Augusta, die sich nicht vom Schreiben abbringen lässt, auch wenn niemand ihre Romane lesen will. Die Schwestern im Konvikt sind derweil mit der Einnahme der Mieten und der gleichzeitigen Einsparung von Ressourcen beschäftigt. Der Hang nach Kontrolle und Selbstbegrenzung tut ihr Übriges. Und die Männer? Die gibt es auch. Sie verwalten, befehlen, entscheiden, stehen im Rampenlicht - die weibliche Stimme wahrnehmen, hören oder verstehen tun sie selten. Fazit: Viel geändert hat sich tragischerweise in fast 100 Jahren nicht viel. Umso wichtiger und inspirierender dieser wunderbare Roman von Alba de Céspedes!