Sehnsüchte hinter Mauern

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yvonnef Avatar

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Die Wiederentdeckung Alba de Céspedes’ ist ein Glücksgriff – und gerade in diesen Zeiten von großer Bedeutung: Zeiten, die von einem patriarchalen, chauvinistischen Rollback geprägt sind und in denen freiheitliche Grundrechte und demokratische Ordnungen weltweit erneut unter Druck geraten.

Der Roman, ins Deutsche übersetzt von Esther Hansen, versammelt acht junge Frauen im Italien des faschistischen Jahres 1934, die im Grimaldi-Konvikt in Rom leben, während sie – zumindest einige von ihnen offiziell – studieren.
Es sind acht Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft, die unter der rigiden Ägide der Nonnen, unter gefängnisähnlichen Bedingungen mit kontrolliertem Freigang, ihren Alltag verbringen. Sie schließen sich zusammen, geben einander Halt, ringen sich kleine, heimliche Freiheiten ab. Und jede von ihnen bewahrt – bei aller Nähe – ein Geheimnis, ein gesellschaftliches Tabu.
In psychologisch äußerst subtilen Porträts schildert Alba de Céspedes die Frauen, ihre Beziehungen untereinander und zu ihren Familien. Sie zeigt die tragischen Auswirkungen der faschistischen Ideologie in unheiliger Verbindung mit einem rigiden, bigotten Katholizismus auf das Leben der Frauen: die Reduktion ihrer Bestimmung auf die Rolle der devoten Hausfrau und Mutter – und zugleich das leise Aufbegehren dagegen, die verzweifelten, heimlichen Kämpfe, nach außen angepasst, nach innen revoltierend.
So wird das Konvikt mit seinen Gittern und abendlichen Schließzeiten, in denen die Studentinnen buchstäblich eingeschlossen werden, zur Metapher für die Rolle der Frau im Faschismus: eine Gefangene mit beschnittenen Rechten, reduziert auf ein Dasein als gottesfürchtige, rechtlose Ehefrau, die ihrem Ehemann, Herrn und Gebieter, möglichst viele Kinder zu gebären hat.

Exemplarisch sei Emanuela genannt: aus wohlhabender, gutsituierter Familie stammend, abenteuerlustig, hungrig nach Freiheit und Liebe. Als Mutter eines unehelichen Kindes muss sie die grausamen Konsequenzen tragen, die dieser Verstoß gegen gesellschaftliche Normen für eine Frau bereithält. Um die Familienehre zu wahren und gesellschaftliche Ächtung zu verhindern, wird sie gezwungen, ihr Kind zu verleugnen.

In der Figur der Sardin Augusta – aus einer archaischen, extrem patriarchalen Kultur stammend, dem Studentinnenalter längst entwachsen – scheint Alba de Céspedes ihre eigene Stimme besonders deutlich zu erheben. Augusta verfasst ein Manuskript nach dem anderen: messerscharfe Analysen, leidenschaftliche Anklagen gegen dieses Frauenbild. Zugleich hat sie jede Hoffnung verloren, jemals einen Verleger zu finden. Hier verlässt die Autorin stellenweise ihre gewohnte Subtilität und den eher beschreibenden Erzählduktus.
Auch Augusta zahlt einen hohen Preis. Dem patriarchalen Gefängnis ihrer Herkunft durch Bildung entkommen, findet sie in der Gesellschaft keinen Platz mehr; ein Zurück gibt es für sie ebenso wenig:

„Selbst wenn wir zurückkehren, werden wir doch immer schlechte Töchter und schlechte Ehefrauen sein. Wer könnte vergessen, schon einmal selbst über sich bestimmt zu haben? (…) Wer zu Hause geblieben und aus der Autorität des Vaters in jene des Ehemannes übergeben wurde, verzeiht uns nicht (…)“

Und doch ist Was vor uns liegt – ohne zu viel vorwegzunehmen – kein trostloses, hoffnungsloses Buch, das Frauen auf eine Opferrolle reduziert. Vielmehr porträtiert Alba de Céspedes die jungen Frauen auch in ihrer Kraft und Willensstärke: in ihrem Ringen darum, trotz aller Beschränkungen Wege zu Mündigkeit und Selbstermächtigung zu finden, auch in der Liebe.

In meinem Leseeindruck stellte sich mir die Frage, warum dieses Buch zur Entstehungszeit der faschistischen Zensur zum Opfer fiel. Die Antwort liegt nahe: Es ist im Wortsinn ein subversives Buch. In der Beschreibung persönlicher Schicksale legt es ein Skalpell an die faschistische Ideologie und Gesellschaft, hält der faschistischen Fratze einen Spiegel vor – meist leise, subtil, mit wenigen, dafür umso prägnanteren Ausnahmen.
Wenn Alba de Céspedes die Greueltaten der Zeit explizit benennt – den Überfall auf Äthiopien, die Kriegsverbrechen der italienischen Armee, den Bürgerkrieg in Spanien –, geschieht dies stets im Kontext individueller Erfahrung: anekdotisch, situationsgebunden, scheinbar en passant, und gerade deshalb umso verstörender.

"Was vor uns liegt" ist ein wichtiges Buch. Man(n) – Frau – they muss es lesen.
Und ich werde umgehend weitere Werke von Alba de Céspedes lesen, beginnend mit „Das verbotene Notizbuch“.