Verständnis statt fremder Verantwortung

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rockchickdeluxe Avatar

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Luk flieht ins Auslandssemester nach Barcelona. Reduziert rattern die Sätze über die Seiten. Subjekt, Prädikat, Objekt, schnörkellos, klar und abgrundtief traurig.

Die Mutter leidet an Krebs im Endstadium, die Wohnung an der Flensburger Förde ist kalt und leer. Luk will Distanz, wirft sich hinein in den katalanischen Kampf für Unabhängigkeit, ins Chaos, in andere Gefühle als die Trauer, die Angst, die Wut. Er stürzt sich in eine Beziehung, er rennt, das Tempo des Textes ist atemlos. Die Revolution auf den Straßen Barcelonas wird sein Kampf, gegen alles. Er verliert sich haltlos und vollständig, flieht weiter nach Portugal, stopft sich in stets wiederkehrendem Rausch mit Sachen voll, die die Leere füllen sollen: Hasch, Alkohol, Eintopf, Sex.

Aber den inneren Stimmen entflieht er nicht. Die Schuld bleibt. Der Ton wird leise. Die Mutter stirbt. Die Schuld wird plötzlich greifbar, äußert sich körperlich. Als es nicht mehr weitergeht, beginnt die Fürsorge. Für andere inmitten des brennenden Barcelonas und für sich selbst.

Lukas Hoffmann erschafft mit seinem Erzähler eine Figur, die sich jeglichen gesellschaftlichen Erwartungen widersetzt. Luk nimmt sich das Recht, sich der Verantwortung zu entziehen. Denn wenn er sich der Krankheit öffnet, wird sie allen Raum einnehmen, er wird verschwinden, ohne jede Distanz.

Die Krankheit der Mutter macht sie durchlässig, spiegelt jede Handlung Luks durch sich selbst. Sie lässt keinen Raum, vereinnahmt, für die eigenen Emotionen und Bedürfnisse bleibt kein Platz. Still sein. Stark sein. Nicht genügen. Schweigen.

Es steckt viel drin in diesem Debüt. Verantwortung, Schuld, Selbstverlust und transgenerationale Traumata, Generation Z. Der Wunsch danach, sich von falscher Verantwortung zu befreien, die Suche nach Schönheit in der Tiefe, nach Nähe, nach Wahrheit.

Die Erfahrung Luks ist sehr persönlich, und doch wird sie allgemeingültig. Mit anderen Fluchtmechanismen, anderen Umwegen, anderen Lebensrealitäten. Doch genau hier liegt die Zuversicht hinter dem Schmerz. Auch sie wird allgemeingültig: Heilung ist möglich.

Ich sehe immer mehr Bücher, die die Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge und Verantwortung im Bereich der Care-Arbeit thematisieren. Sie hinterfragen Erwartungen und wagen es, das eigene Seelenheil in den Fokus zu rücken. Das hat eine wichtige und große gesellschaftliche Dimension.