Gothic Fantasy neu interpretiert

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sophia.wons Avatar

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Was dieses Buch für mich besonders macht, ist die subtile Einbindung von gesellschaftspolitischen Themen und Gothic Fantasy - sei es der Kampf der Minenarbeiter gegen Ausbeutung, die Diskriminierung von PoC oder der im Hintergrund tobende Krieg. Nichts davon ist der Hauptangelpunkt des Geschehens, aber es durchdringt die viktorianisch anmutende Welt von Weavingshaw, es ist mit den Charakteren und ihrem Leben verbunden.

Ich mochte die z.B. kleinen Details in Leenas Perspektive, wenn sie über ihre Familie spricht. Über heimlich gestohlene Halwa und arabische Gedichte. Als migrantisierte Figur wird sie aber auch ständig mit Misstrauen und gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert.

Auch atmosphärisch fand ich die Geschichte sehr gelungen. Ich habe alles mit einem Schleier aus Schwarz gelesen, der über dieser Welt liegt. Leenas Fähigkeit, Geister zu sehen, wirkt wie ein Fluch, denn immerzu muss sie sich in Acht nehmen, ansonsten wird sie von den Toten überfallen. Selbst im Schlaf. Als sie einmal auf der Reise ihr Salz vergessen hat, konnte ich ihre Angst vor den Geistern auf einer anderen Ebene verstehen. So geht es mir, wenn ich meine Medikamente vergesse.

Eine Message, die ich mochte: Am Ende zeigt sich, das Übernatürliche kann erst durch aristokratische Gier und Gewalt Macht ausüben.

Wie klassische Gothic-Heldinnen bewegt sich Leena durch Räume, die patriarchale Macht verkörpern. Dabei ist insbesondere ihr Love Interest St. Silas (ein reicher, aristokratischer Mann) aktiv beteiligt. Deshalb hatte ich bis zum Ende meine Bedenken bei ihrer Beziehung.

St. Silas verhält sich ihr gegenüber anfangs nichts nur unfreundlich, sondern wirkt regelrecht wie ein Gefängniswärter, der sie ausnutzt, ihr Informationen vorenthält, ihr verbietet, ihren Bruder zu besuchen und ihr bei Fehlern böswillig droht, persönliche Gegenstände zu zerstören. Und auch wenn sie im Laufe der Story nach und nach das Machtgefälle aufheben, zu Partner*innen werden, so bleibt es dennoch bestehen.

Auch seiner Hintergrundgeschichte sehe ich keinen Grund, warum er sich ihr gegenüber so mies verhalten hat. Es ist gut, dass Leena ihre Position ihm gegenüber klarstellt und ihm nicht direkt verfällt. Der sehr langsame Slow-Burn hat die Romance für mich erträglich gemacht. Das war absolut notwendig! Aber dennoch hat mir einer tiefergehende Aufarbeitung gefehlt. (Er war nur bare minimum, sorry not sorry.)

Insgesamt würde ich das Buch aber weiterempfehlen.