Zwei Schwestern, eine Wahrheit – und ich mittendrin

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valerian Avatar

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Das Cover hat mich ehrlich gesagt nicht sofort überzeugt. Es wirkt etwas generisch für einen Psychothriller dieser Qualität – das Motiv geht in der Masse ähnlicher Umschläge fast unter. Schade, denn der Inhalt verdient mehr Aufmerksamkeit als das Cover auf den ersten Blick verspricht.
Denn inhaltlich liefert Caroline Seibt von der ersten Seite an. Der Einstieg ist kein sanftes Herantasten, sondern ein Sprung ins kalte Wasser: Anna sitzt im Verhörraum, ihre Familie zerbricht, und die Polizei hält ihren Vater für einen Mörder. Schon im Prolog sitzt man mittendrin – und kommt nicht mehr raus.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die emotionale Dichte. Anna trägt die ganze Familie auf ihren Schultern – den kleinen Leon, die psychisch kranke Mutter, die Schulden, die Trauer – und das liest sich nie konstruiert, sondern erschütternd nah. Die Szene im Pizzarestaurant, wenn Leon sagt "es blitzt und donnert heute", hat mich mehr getroffen als mancher explizite Showdown anderer Thriller.
Der Spannungsaufbau ist klug: Seibt arbeitet mit mehreren Perspektiven, die sich langsam ineinandergreifen, ohne sich gegenseitig zu verraten. Einzig der Einstieg in Katharinas Perspektive fühlt sich in der Leseprobe noch etwas abrupt an – hier braucht der Roman vielleicht ein paar Seiten, um in Gang zu kommen.
Vier Sterne, mit der Hoffnung, dass das Finale hält, was die Leseprobe so eindrucksvoll verspricht.