In allen Belangen wohl durchdacht

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marcello Avatar

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Von der deutschen Autorin Caroline Seibt hatte ich noch nichts gehört. „Weil sie lügt“ ist aber nicht ihr Erstlingswerk und ihre vorherigen Bücher haben auch in keinem hinteren Winkel meines Kopfs etwas ausgelöst, also gut, dass ich mehrere sehr positive Stimmen zu diesem Thriller gehört habe, um die Autorin auf den Schirm zu bekommen.

Vergleiche zu Melanie Raabe und Freida McFadden sind ja echt nicht ohne und können auch falsche Erwartungen schüren. Bei „Weil sie lügt“ war das aber nicht der Fall. Ich habe mir angesichts des Titels keine großen Gedanken gemacht und auch den Klappentext habe ich erst direkt vor Beginn gelesen. Ich habe mich also regelrecht reingestürzt und so ist auch der Einstieg gestaltet. Das schreckliche Ereignis, das Juli verschwand, liegt schon ein Jahr zurück und wir lernen über Annas Perspektive den furchtbaren Zustand ihrer Familie kennen. Parallel haben wir Kommissarin Katharina, die einen heißen Tipp auf den Verbleib von Juli bekommt, sodass dort für beide Perspektiven die Handlung angestoßen wird, die sich zwangsweise immer wieder überschneidet. Das ständige Wechseln zwischen den beiden Perspektiven war dabei eine clevere Wahl. Denn beide Frauen und was sie erleben, ist spannend gestaltet und dann immer auf das übernächste Kapitel warten zu müssen, bringt einen dazu, immer nur weiterlesen zu wollen. Eine fixe Lektüre ist es dadurch auf jeden Fall geworden. Und auch wenn am Anfang viele Fragezeichen entstehen, aber ich fand es nicht überfordernd, weil sich schnell die Lücken gefüllt haben, um den Inhalt gut folgen zu können.

Charakterlich sind Anna und Katharina beide unheimlich gut gestaltet. Gerade im Rückblick finde ich auch den Titel so clever, weil wir diese zwei Frauenfiguren haben, durch die wir alles erleben und auf die wir auch angewiesen sind. Aber im Hinterkopf zu haben, dass auf jeden Fall Lügen im Spiel sind, hat mich natürlich auch skeptisch gemacht. Gleichzeitig fand ich es sehr angemessen, dass beide Figuren höchst ambivalent gestaltet sind. Bei Katharina beispielsweise erleben wir ihren Ärger, von vielen männlichen Kollegen nicht ernst genommen zu werden. Wir haben aber auch ihre Familiensituation und wie viel der Job ihr da an Gunst genommen hat, weil sie immer so viel absagen und aufschieben muss. Dafür haben wir aber eine Ermittlerin, die sich mit Haut und Haaren der Ermittlung verschreibt. Anna umgekehrt hat mich sehr an Tilda aus „22 Bahnen“ erinnert. Auch hier ein jüngeres Geschwisterkind, für das die Verantwortung übernommen wurde. Auch hier eine Mutter, die von Dämonen gejagt wird und auch hier eine junge Frau, die ihr Leben vollkommen auf Pause gestellt hat. Da hören die Parallelen aber auf, denn durch das Verschwinden von Juli ist da noch etwas im Leben, was sie akut beeinflusst und nach und nach gibt es Hinweise, dass Anna nicht nur passiv auf Antworten wartet, sondern selbst Antworten sucht und dabei Grenzen überschreitet. Also zwei spannende Charaktere, die sehr nahbar gestaltet waren, auch wenn man sie nicht immer mögen oder nachvollziehen konnte. Aber zwei Charaktere, bei denen man am Ball bleiben wollte.

Wofür ich auch ein großes Lob aussprechen will, das ist eindeutig die Gestaltung des Spannungsaufbaus. Man kann wahrlich nicht behaupten, dass der steil nach oben ging, stattdessen war es immer eine ansprechende Kurve. Neue Erkenntnisse und Vermutungen (bei mir) gab es immer wieder neu, dazwischen gab es aber immer wieder Pause, um alles zu sortieren und vertrauter mit den Figuren und ihrer Last zu werden. Das hat neben dem Perspektivenwechsel auch einen guten Rhythmus beschert. Zudem war für mich überhaupt nicht schlüssig, in welche Richtung es geht und was eigentlich alles die Fragen sind, zu denen wir auf Antworten warten. Seibt schreibt selbst im Nachwort, dass sie zu Beginn nicht wusste, wie es enden wird und vielleicht ist das für den ein oder anderen auch einfach ein Geschenk. Denn so war nicht zu früh etwas durchschaubar. Nur eine Sache war mir eigentlich klar, der Vater, wie beschuldigt, war es sicherlich nicht. Ansonsten aber habe ich mich einfach mittreiben lassen und wurde doch an vielen Stellen stark überrascht. Auch der Titel gewinnt am Ende nochmal eine ganz andere Bedeutung.

Fazit: „Weil sie lügt“ ist ein starker deutscher Thriller, der dafür sorgt, dass Caroline Seibt fortan von mir im Auge behalten wird. Erzählweise, Charaktere und Struktur waren wohl durchdacht und haben eine Lektüre beschert, die fix geht und die nie oberflächlich erscheint. Ich wurde auch genau richtig von Wendungen überrascht und kann daher nur eine dicke Empfehlung aussprechen.