Kaputte Familie

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
readaholic Avatar

Von

„Weil sie lügt“ ist der Titel dieses Thrillers und man fragt sich von Anfang an, wer ist mit „sie“ gemeint, wer lügt hier? Ist es Anna, deren Schwester Juli vor eineinhalb Jahren spurlos verschwunden ist, oder womöglich Annas Mutter, die seit dem Verschwinden der Tochter ein psychisches Wrack ist? Oder ist eine Person gemeint, die erst später eingeführt wird?
Die Geschichte wird aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt. Zunächst einmal lernen wir Anna kennen, die seit dem rätselhaften Verschwinden von Juli ständig am Rande eines Zusammenbruchs lebt. Die depressive Mutter mit ihren extremen Stimmungsschwankungen kümmert sich um nichts, am allerwenigsten um den 7jährigen Leon, bei dem Anna nun die Mutterrolle übernehmen und ihn vor den Wutausbrüchen der Mutter schützen muss. Der Familienvater ist im Gefängnis, weil die Polizei überzeugt ist, dass er seine Tochter auf dem Gewissen hat.
Die andere Person, aus deren Perspektive die Ereignisse geschildert werden, ist die Polizistin Katharina, Ermittlungsleiterin im Fall Juli. Sie scheint eine äußerst motivierte Polizistin zu sein, die alles daransetzt, den Fall endlich aufzuklären. Dabei muss sie sich im Kollegenkreis mit Eifersüchteleien und Konkurrenzdenken herumschlagen, ihr Kollege Faber, der ursprünglich als Ermittlungsleiter für den Fall zuständig war, macht ihr das Leben schwer.
Anna hat seit der Festnahme des Vaters den Glauben an die Arbeit der Polizei verloren und ermittelt auf eigene Faust. Ihre Hinweise auf mögliche Verdächtige werden von der Polizei als Spinnereien abgetan.
Die kurzen Kapitel, die oft mit einem Cliffhanger enden, lesen sich gut. Die Geschichte fängt spannend an, man kann sich gut in die beiden Erzählerinnen hineindenken. Sprachlich finde ich das Buch nicht so gelungen, wenn Anna beispielsweise Angst hat, vor lauter Ermüdung einen Unfall zu bauen, nennt sie das „die Bäume küssen“. Das Lektorat lässt im Übrigen sehr zu wünschen übrig. Auf S. 93 „schlürft“ Annas Mutter zur Tür, auf S. 355 „malt“ Anna ein Bonbon zu Zuckerstaub. Als dann noch „dass“ und „das“ verwechselt wird, habe ich mich erst einmal vergewissert, ob ich nicht ein unkorrigiertes Leseexemplar in den Händen halte, was aber nicht der Fall war.
Vieles in der Geschichte ist zwar spannend zu lesen, aber nicht gerade logisch. Woher wusste Anna beispielsweise, wo sie nach Julis verschwundenem Ring suchen muss? Es gibt noch viele weitere Beispiele, die ich aber nicht nennen kann, ohne zu spoilern. Das Ende dieses Psychothrillers kommt überraschend, aber leider total konstruiert daher. Andere Sachverhalte, zum Beispiel wer Katharina im Laufe ihrer Ermittlungen angegriffen hat, werden nicht abschließend aufgeklärt. Insgesamt hinterlässt der Krimi ein Gefühl der Enttäuschung bei mir. 3,5 von 5 Sternen.