Entfremdung der ersten Liebe

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„In gewisser Weise fühlt sich das Sechsundzwanzig-Sein an wie der August, und der August fühlt sich an wie ein Sonntagnachmittag - das Gefühl von Freiheit, kurz bevor sie verschwindet.“

Théo und Alma, Alma und Théo. In Südfrankreich lernen sie sich kennen, als Alma und ihre Familie einen Grabstein für ihren frisch verstorbenen Opa kaufen. Der Sohn des Steinmetzes: Théo. Ein paar Jahre später treffen sich Alma und Théo im ehemaligen Haus es Großvaters, um ihre in Scherben liegende Beziehung zu retten.

Eva Pramschüfer erschafft mit Weißer Sommer einen ruhigen Roman über die Liebe in den 20ern, die im Konflikt steht zwischen „committment“ und der Sehnsucht nach Freiheit. Der Spachstil ist angenehm und leicht, gespikt von wundervoll poetischen Gedankengängen. Das Setting malerisch: ein Dorf in Südfrankreich, München, Berlin und Paris. Unsere Protagonisten sind Künstler: Théo arbeitet mit Ton und Stein, Alma malt: mal mehr, mal weniger erfolgreich. Doch während Alma aus einer privilegierten, reichen Familie mit kalten Familienstrukturen stammt, hat Théo keine nennbare Erinnerung an seine Mutter, die ihn früh verlassen hat, und einen liebevollen Vater aus einfachen Verhältnissen. Beide sind auf ihre Art Einsam, Naiv und voneinander emotional abhängig. Trotzdem muss ich sagen, dass ich weder mit Alma, noch mit Théo warmgeworden bin oder sie als Charakere greifbar wurden. Während Alma egoistische Verhaltensweisen aufweist, ist Théo selbstzerstörerisch - mit keinem der Beiden gehe ich als Leserin mit. Und obwohl ich selber im Kreativ-Segment arbeite und verwurzelt bin, kam mir der Künstlerpersona beider etwas zu gewollt vor. Denn obwohl Théo aus „einfachen Verhältnissen“ kommt, ist er dennoch sehr privilegiert: er kann direkt im Ausland an einer Universität studieren, - und dass sein Vater nun seinen Mitarbeiter nicht mehr hat, wird nicht thematisiert.
Kommen wir nun zu ihrer Beziehung: Was genau macht ihre tiefe Bindung denn aus? Schlussendlich fühlt es sich an wie ein Urlaubsflirt, der in der Realität nicht überleben konnte. Wo genau war jetzt die über Jahre erhaltene große Liebe, die tiefe Verbundenheit, Emotionale Abhängigkeit, die die Protagonisten und LeserInnen bei der Zerstörung der Beziehung langsam innerlich zerreißt? Das Thema, eine Beziehung in den Zwanzigern zu erzählen, die zwischen den Konfliktpunkten Selbstverwirklichung und tiefer Verbundenheit einer Partnerschaft zerrissen wird, finde ich extrem spannend. Hier hätte ich mir eine tiefere Ausarbeitung gewünscht - denn die Vision ist da - sie konnten mich nur nicht vollständig in ihrer Ausführung abholen. Ich habe jedoch keine Zweifel, dass Eva Pramschüfer mit ihrem nächsten Roman dieses Debut noch toppen wird!

„Wie muss es sich anfühlen, zu sanft zu sein, um etwas zu töten, aber zu ängstlich, um es freizulassen?“