1sehr berührend und ermutigend!

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
rosina Avatar

Von

Weiterleben“ von Patrick Charnley ist ein außergewöhnlicher und sehr berührender Roman, der sich mit einem Thema beschäftigt, das einen auch nach der letzten Seite noch lange begleitet: Was passiert, wenn das eigene Leben von einem Moment auf den anderen völlig aus der Bahn gerät und man gezwungen ist, alles neu zu lernen?

Im Mittelpunkt steht der 20-jährige Jago Trevarno. Nach einem Herzstillstand ist er vierzig Minuten lang klinisch tot. Zwar gelingt es den Ärzten, ihn zurück ins Leben zu holen, doch Jago ist danach nicht mehr derselbe. Sein Gehirn wurde geschädigt, er ist schnell überfordert, kann nicht mehr mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und muss lernen, seinen Alltag vollkommen neu zu organisieren. Was für andere Menschen selbstverständlich ist, wird für ihn zu einer Herausforderung.

Besonders eindrucksvoll fand ich, dass Charnley Jagos Situation nicht dramatisiert oder ihn als hilfloses Opfer darstellt. Vielmehr zeigt er sehr feinfühlig, dass ein anderes Leben nicht automatisch ein schlechteres Leben sein muss. Jago muss zwar vieles aufgeben, gewinnt dafür aber etwas anderes: Zeit, Ruhe und einen neuen Blick auf die Welt.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Hof seines Onkels Jacob in Cornwall. Der abgeschiedene Hof ist fast wie eine eigene kleine Welt. Es gibt keinen Strom, vieles wird noch von Hand erledigt, und der Tagesablauf richtet sich nach der Natur und der Arbeit. Jago kümmert sich um die Tiere, melkt Kühe, repariert Zäune, reitet zum Meer und hilft sogar bei der Geburt eines Fohlens. Diese einfachen Tätigkeiten gebenseinem Leben wieder Struktur und einen Sinn.

Gerade diese Beschreibung des einfachen Lebens hat mir besonders gut gefallen. Der Roman macht deutlich, wie sehr wir im Alltag daran gewöhnt sind, immer schneller zu funktionieren, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen und ständig erreichbar zu sein. Jago kann all das nicht mehr. Er muss sich auf eine Sache konzentrieren und im Augenblick bleiben. Dadurch nimmt er seine Umgebung viel bewusster wahr.

Und genau dieses Gefühl überträgt sich auch auf den Leser. Das Erzähltempo ist ruhig und entschleunigt. Man muss sich zunächst vielleicht etwas darauf einlassen, doch gerade diese Langsamkeit passt hervorragend zu Jagos neuem Leben. Die Natur, das Meer, die Tiere und die Arbeit auf dem Hof werden sehr atmosphärisch beschrieben. Man hat beim Lesen beinahe das Gefühl, selbst an diesem abgelegenen Ort in Cornwall zu sein.

Besonders interessant ist, dass die Geschichte einen sehr persönlichen Hintergrund hat. Patrick Charnley hat selbst einen Herzstillstand erlitten und war etwa vierzig Minuten ohne Herzschlag. Auch er lebt seitdem mit den Folgen einer Hirnschädigung. Seine eigenen Erfahrungen sind deshalb deutlich spürbar und verleihen dem Roman eine besondere Authentizität. Charnley beschreibt nicht von außen, wie es sichanfühlen könnte, wenn das eigene Leben plötzlich langsamer und schwieriger wird – er kennt diese Erfahrung selbst.

Das macht „Weiterleben“ für mich zu etwas Besonderem. Trotz des schweren Themas ist das Buch keineswegs durchgehend traurig. Im Gegenteil: Es ist vor allem ein Buch über Hoffnung. Jago bekommt eine zweite Chance und muss herausfinden, was er mit diesem neuen Leben anfangen kann.

Dabei ist sein Onkel Jacob eine wichtige Figur. Er versucht nicht, Jago ständig zu bemitleiden oder ihn zu etwas zu zwingen. Stattdessen gibt er ihm Raum und lässt ihn sein eigenes Tempo finden. Diese Beziehung fand ich sehr schön und glaubwürdig.

Für etwas Spannung sorgt der Nachbar Bill Sligo, der Jago und seinem Onkel Schwierigkeiten bereitet. Dadurch bekommt die ansonsten sehr ruhige Geschichte einen Konflikt. Dieser Handlungsstrang hat mir allerdings etwas weniger gut gefallen als Jagos persönliche Entwicklung. Für mich hätte der Roman seine Stärke auch ohneeinen größeren äußeren Konflikt gehabt. Gerade die stillen Passagen über Jago, seine Wahrnehmung der Natur und sein langsames Zurückfinden ins Leben gehören für mich zu den schönsten Teilen des Buches. Auch andere Leserinnen und Leser empfanden den späteren Konflikt teilweise als etwas hektischer als den übrigen, sehr ruhigen Roman.

Was mir besonders gefallen hat, ist die Botschaft, die hinter der Geschichte steckt: Man muss nicht in sein altes Leben zurückkehren, um wieder glücklich werden zu können. Manchmal besteht ein Neuanfang darin, ein völlig anderes Leben anzunehmen.

„Weiterleben“ regt dazu an, über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken. Was brauchen wir tatsächlich, um zufrieden zu sein? Wie viel von unserem Alltag bestehtaus Dingen, die wir nur tun, weil wir glauben, funktionieren zu müssen? Und was passiert, wenn wir gezwungen werden, langsamer zu werden?

Gerade dadurch ist der Roman auch für Leserinnen und Leser interessant, die selbst keinen vergleichbaren Schicksalsschlag erlebt haben. Man nimmt aus Jagos Geschichte etwas mit: die Aufforderung, den Augenblick bewusster wahrzunehmen und die kleinen Dinge wieder zu schätzen.

Der Schreibstil ist ruhig, klar und einfühlsam. Charnley schreibt nicht übertrieben gefühlvoll, obwohl die Geschichte eigentlich genügend Anlass dazu gäbe. Das finde ich sehr angenehm. Die Emotionen entstehen vielmehr aus Jagos Erlebnissen und seiner Entwicklung. Dadurch wirkt das Buch authentisch und niemals kitschig.

Mein Fazit:
„Weiterleben“ ist ein stiller, außergewöhnlicher und sehr menschlicher Roman über Verlust, Veränderung, Hoffnung und eine zweite Chance. Die Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass Weiterleben nicht bedeutet, alles wieder so zu machen wie früher. Es kann auch bedeuten, ein neues Tempo zu finden und ein neues Leben anzunehmen.

Besonders die Atmosphäre auf dem Hof in Cornwall, die Beziehung zwischen Jago und seinem Onkel sowie die vielen kleinen Beobachtungen des Alltags haben mir gefallen. Die Geschichte wirkt nach und lädt dazu ein, das eigene Leben und die eigene Geschwindigkeit ein wenig zu hinterfragen.Ein Buch, das nicht durch große Dramatik, sondern durch seine Ruhe, Menschlichkeit und Hoffnung berührt.