Ein leiser Roman über eine zweite Chance und das Leben im eigenen Tempo

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sunshine22 Avatar

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Weiterleben von Patrick Charnley ist ein ungewöhnlicher und sehr berührender Roman. Im Mittelpunkt steht der 20-jährige Jago Trevarno, dessen Leben sich nach einem vierzigminütigen Herzstillstand grundlegend verändert. Sein Kopf funktioniert nicht mehr wie früher, er ist schnell überfordert, vergisst Dinge und kann nicht mehr mit dem Tempo mithalten, das sein früheres Leben von ihm verlangt hat.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass Jago nicht versucht, krampfhaft zu dem Menschen zurückzukehren, der er vor seinem Herzstillstand war. Stattdessen muss er lernen, sein neues Leben anzunehmen. Auf dem abgelegenen Hof seines Onkels Jacob in Cornwall findet er dafür genau den richtigen Ort. Ohne Strom, mit der Arbeit auf dem Hof, den Tieren und dem Meer vor der Haustür wird sein Alltag plötzlich von einem ganz anderen Rhythmus bestimmt. Die wunderschönen Beschreibungen der Landschaft und des einfachen Lebens haben mir dabei besonders gut gefallen.

Jago ist für mich eine ganz besondere Hauptfigur. Gerade seine Einschränkungen werden nicht dramatisiert, sondern sehr selbstverständlich erzählt. Man erlebt die Welt gemeinsam mit ihm langsamer und nimmt dadurch plötzlich auch die kleinen Dinge viel intensiver wahr. Genau das macht den Roman für mich so entschleunigend. Charnley beschreibt nicht nur einen Neuanfang, sondern vermittelt auch, wie sich die eigene Wahrnehmung verändern kann, wenn man gezwungen ist, wirklich im Augenblick zu leben.

Sehr schön fand ich außerdem die Beziehung zwischen Jago und seinem Onkel Jacob. Jacob gibt ihm Halt und Sicherheit, ohne ihn dabei wie einen hilflosen Menschen zu behandeln. Gleichzeitig sorgt der schwierige Nachbar Bill Sligo dafür, dass die Geschichte nicht ausschließlich ruhig und beschaulich bleibt. Jago muss für den Ort kämpfen, an dem er endlich wieder ein Zuhause gefunden hat.

Besonders bewegend ist für mich das Wissen, dass der Autor selbst einen ähnlichen Herzstillstand erlebt hat und der Roman dadurch stark von seinen eigenen Erfahrungen geprägt wurde. Charnley beschreibt sehr eindrücklich, wie sich sein Blick auf das Leben verändert hat und wie wichtig es für ihn geworden ist, innezuhalten und die Welt bewusster wahrzunehmen.

Der Schreibstil ist ruhig, klar und sehr atmosphärisch. Weiterleben ist definitiv kein Buch, das man möglichst schnell durchlesen möchte. Es lädt vielmehr dazu ein, sich Zeit zu nehmen und die Geschichte auf sich wirken zu lassen. Gerade diese Entschleunigung empfand ich als eine der größten Stärken des Romans.

Fazit: Weiterleben ist für mich eine wunderschöne Geschichte über Verlust, Veränderung, Hoffnung und eine zweite Chance. Ein leiser Roman, der nicht mit großen Dramen überzeugen muss, sondern gerade in den kleinen Momenten seine Stärke findet. Jago hat mich daran erinnert, dass ein Leben nicht weniger wertvoll wird, nur weil es plötzlich anders aussieht als geplant – und dass ein Neuanfang manchmal genau darin besteht, einen völlig neuen Rhythmus zu finden.

Eine berührende, besondere und sehr lebensbejahende Geschichte, die noch eine Weile nach dem Lesen in mir nachwirken wird.