Wenn aus Überleben Weiterleben wird

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annnnnnna Avatar

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Jago Trevarno hat einen vierzigminütigen Herzstillstand erlitten, der sein Gehirn geschädigt hat. Nun kämpft er sich bei seinem Onkel Jacob auf einem Hof an der Küste Cornwalls zurück ins Leben, in seinem ganz eigenen Tempo und auf beeindruckende Weise. Seine Beeinträchtigung ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, doch die permanente Erschöpfung, schnelle Überforderung, Apathie, ein geschädigter Sehnerv und sein eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis sind gravierend. Trotzdem klagt Jago nicht. Er nimmt sein neues Leben an, so wie es ist.

Jacob gibt ihm die Zeit, die er braucht, bindet ihn ein, ohne ihn zu überfordern, und begegnet ihm dabei mit einer Selbstverständlichkeit, die mich tief beeindruckt hat. Er gibt Jago nie das Gefühl, eine Last zu sein, und behandelt ihn nicht anders als zuvor. Gleichzeitig traut er ihm etwas zu, hat ein Auge auf ihn und lässt ihn so Schritt für Schritt über sich hinauswachsen. Die Beziehung der beiden ist für mich eine der großen Stärken des Buches.

Auch die Natur wird für Jago zu einem Ort der Ruhe. Sie erdet ihn, gibt ihm Kraft und hilft ihm, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.

Mit Bill Sligo kommt allerdings Unruhe auf den Hof. Der feindselige und kriminelle Nachbar braucht ein Stück Land von Jacob, um seine Drogengeschäfte abzuwickeln. Doch Jago hat feine Antennen und kommt ihm auf die Schliche, was für ihn nicht ungefährlich ist. Die herzensgute Nachbarin Granny Carne hat dazu den passenden Rat: „Man soll sich nicht zu lange mit schlechten Menschen oder schlechten Dingen abgeben, das vergiftet nur die Seele. Man konzentriert sich besser aufs Licht.“ (S. 193)

So geborgen und behütet, wie Jago sich unter seiner Bettdecke fühlt, so umarmt habe ich mich beim Lesen von diesem Buch gefühlt. Ich bin dankbar, einen Blick durch das Schlüsselloch in sein Leben bekommen zu haben und dadurch zumindest annähernd zu erahnen, was eine Hirnschädigung bedeutet. Dabei spürt man auf jeder Seite, dass Patrick Charnley selbst erfahren musste, was es heißt, mit einem solchen Schicksal weiterzuleben. Man mag sich kaum vorstellen, wie viel Kraft ihn dieses Buch gekostet haben muss.

Aus seinem Überleben wurde ein Weiterleben. Jago verzagt nicht. Er akzeptiert, dass nichts mehr so ist wie zuvor, findet seinen Frieden mit seinem Schicksal und lernt, das Leben so zu genießen, wie es jetzt ist. Patrick Charnley erzählt diese Geschichte leise, ohne Pathos, aber zutiefst berührend. Gerade diese Zurückhaltung macht sie für mich so authentisch. Ich bin tief beeindruckt.

Und vielleicht ist es genau das, was dieses Buch über Jagos Geschichte hinaus so wertvoll macht: Es verändert den Blick auf das eigene Leben. Weg von der Rastlosigkeit, hin zum Innehalten und zu der Frage, was wirklich zählt.