»Trau, Schau, Wem«

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Wenn der Schein trügt

Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet am Stadtrand. Eines Abends sind Eva und Daniel bei einer Geburtstagsparty eingeladen und die Babysitterin Sofia Ziemiak passt auf den kleinen Linus auf. Sofia ist die Tochter von Evas bester Freundin Susanne.

Nach der Rückkehr der Kramers fährt Daniel Sofia nach eigener Aussage nach Hause, wo sie aber nie ankommt. Die Fassade dieser scheinbar glücklichen Familie beginnt langsam abzubröckeln.

Die fünfzehnjährige Sofia ist sehr introvertiert. Sie pflegt keine sozialen Kontakte und hat weder Freunde in der Schule noch außerhalb. Das Handy benutzt sie nur zum Fotografieren. Zu den Aktivitäten auf ihrem Laptop kann ihre Mutter bei der Befragung durch die Polizei nichts sagen.

Risse in der Beziehung

Susanne lebt mit ihrem neuen Lebenspartner Axel Thürmer und Sofia in einer Patchworkfamilie zusammen. Es gibt Spannungen zwischen Sofia und Axel. Die Beiden verstehen sich nicht besonders gut. Sofia äußert sogar, dass sie ihr neues Zuhause »scheiße« findet. Es gibt auch Probleme in der Beziehung zwischen Susanne und Axel. Es sind Red Flags, die auch Sofia nicht verborgen bleiben.

Es bleibt unklar, was mit Sofia geschehen ist. Ist sie weggelaufen, wurde sie entführt oder ist sie vielleicht Opfer von Cyber-Grooming (Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet) geworden? Lebt sie noch?

Unzertrennlich

Die persönliche Beziehung zwischen Eva und Susanne ist in dem Kriminalroman sehr stark ausgeprägt. Seit dem Gymnasium sind sie unzertrennliche Freundinnen. Nach dem Schulabschluss hat Susanne ein Studium begonnen und Eva eine Ausbildung. Nachdem Susanne ungewollt schwanger wird, ziehen die Beiden zusammen. Nach Sofias Geburt teilen sie sich die Erziehung. Als Sofia acht Jahre alt ist, lernt Eva Daniel kennen, den sie später heiratet. In dieser Zeit hat Sofia alles unternommen, um Eva und Daniel auseinander zu bringen. Nach und nach beruhigt sich aber die Situation wieder.

Was verschweigt Daniel Kramer

Daniel Kramer rückt immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Nicht zuletzt, weil er mehrmals Dinge verschwiegen oder schlichtweg gelogen hat bei Befragungen durch die Polizei. Wie ein roter Faden zieht sich die Verdächtigung durch den Plot. Daran ändert auch nichts, dass weitere Personen kurzzeitig verdächtigt werden. Das beeinflusst die narrative Wahrnehmung sehr stark.

Die Nerven liegen blank

Je weiter man liest, desto mehr Spannungen werden offensichtlich. Die einst »besten« Freundinnen Eva und Susanne geraten immer öfter aneinander. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und machen ihre unterschiedlichen Standpunkte klar. Der Streit zwischen Eva und Susanne eskaliert. Eva wirft Susanne ihre Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Partner Axel vor. Susanne kontert daraufhin und erwähnt die sexuellen Probleme zwischen Eva und Daniel. Eva und Daniel sind längst nicht mehr das Traumpaar von einst. Zu oft hat er Eva in der Vergangenheit belogen.

Sinnvolle Unterteilung

Der Kriminalroman ist in vier Teile aufgeteilt, was im Prinzip keinen Mehrwert für die Erzählung bringt. Interessanter ist da schon die Unterteilung in drei unterschiedliche Perspektiven. Eva, die Hauptprotagonistin, berichtet aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. In kurzen Kapiteln erzählt uns eine andere Person über ihre Pein und Angst. Sie sucht verzweifelt nach einem Weg, wie sie der Situation entkommen kann.

Die dritte Ebene widmet sich der Ermittlungsarbeit durch die Polizei. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Suche nach der vermissten Schülerin Sofia, sondern richtet sich auch auf einen zurückliegenden Mord von vor fünfzehn Jahren an einer Schülerin. Gibt es hier Gemeinsamkeiten mit dem aktuellen Vermisstenfall? Das hat die Autorin alles geschickt miteinander verknüpft.

Was am Ende steht

Es gibt Dinge, die mir am Setting nicht gefallen haben. Da sind zum einen die klischeehaften Wiederholungen von Anrufen auf dem Smartphone. Das hat mit der Zeit wie eine Floskel auf mich gewirkt. Die Aufklärung des Vermisstenfalls war mir zu banal und konstruiert. Alle offenen Fragen werden auf den letzten Seiten des Kriminalromans gebündelt beantwortet.

Das Sprichwort »Trau, Schau, Wem« ist eine zeitlose Mahnung zur Vorsicht. Es kommt hier sehr gut zum Ausdruck. Es erinnert daran, nicht jedem Menschen und jeder Situation blind zu vertrauen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen und genau hinzusehen.

Fazit

»Wem du traust« ist ein psychologischer Kriminalroman, der weitestgehend auf blutige Details und harten Thrill verzichtet. Petra Johann ist eine klare Unterscheidung zwischen Krimi und Thriller gelungen.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht verständlich. Die Verhaltensweisen der verschiedenen Figuren und deren Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen herauszuarbeiten, spricht für die Autorin. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten und enden mit einem Cliffhanger, um die Auflösung einer Situation zu verzögern.
Es gibt Längen in den Erzählungen (Bsp.: Lagebesprechungen bei der Polizei), die die Spannung des Öfteren ausbremsen.
Es werden immer wieder neue Figuren erwähnt, die in Erscheinung treten. Da sie für den Handlungsablauf nicht wichtig sind, verschwinden sie genauso schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit.