Sehr berührender Roman
MEINE MEINUNG
In ihrem bewegenden Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ erzählt die schwedische Autorin Lisa Ridzén eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der sie sich sehr einfühlsam dem Altwerden, der Vergänglichkeit des Lebens, dem Loslassen sowie der familiären Entfremdung widmet. Dabei beleuchtet sie zudem mit viel Feingefühl die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, die Verantwortung füreinander und die Möglichkeit versöhnenden Momente selbst spät im Leben.
Im Mittelpunkt steht der 89-jährige, pflegebedürftige Bo Andersson, einstiger Arbeiter in einer Sägemühle, der allein in einem kleinen Haus auf dem Land in einem abgelegenen nordschwedischen Dorf lebt und seinen Alltag mit seinem treuen Jagdhund Sixten teilt. Seit seine demente Frau Frederika in einem Pflegeheim lebt, beschränkt sich Bos zurückgezogenes Leben auf die regelmäßigen Besuche des Pflegedienstes, die oft angespannten Kontakte zu seinem Sohn, die wöchentlichen Gespräche mit seinem alten Freund Ture, Erinnerungen an sein langes Leben und die wachsende Angst, immer mehr von seinem Körper im Stich gelassen zu werden und seine Selbstständigkeit zu verlieren.
Schrittweise tauchen wir in den einsamen und tristen Lebensalltag des hochbetagten Bo ein, in den Ridzén gekonnt Gedankengänge, lebendigen Träume und melancholische Grübeleien eingewoben hat. Rückblenden lassen ihn über die gemeinsame Zeit mit seiner geliebten Frau, seine Mutter und vor allem die schwierige Beziehung zu seinem harten, gefühlskalten Vater nachsinnen.
Die Episoden von Bos Alltag werden geschickt von knappen Einträgen aus dem Pflegetagebuch des Pflegeteams unterbrochen, in denen die verschiedenen Betreuer nüchterne Notizen zu Bos Stimmung, Schlaf- und Essgewohnheiten hinterlassen sowie besondere Vorkommnisse festhalten, wodurch wir einen objektiveren Blick auf seinen Zustand und den fortschreitenden Abbau erhalten. So gewinnen wir Über kurze Dialoge, unspektakuläre Alltagsszenen und Erinnerungsfragmente entfaltet sich allmählich Bos Lebensgeschichte und sein reiches Innenleben. Trotz des ruhigen Erzähltempos versteht es die Autorin eine subtile Spannung aufzubauen.
Beeindruckend sind die Schilderungen der schwedischen Natur – weite Landschaften, raues Winterwetter und der majestätische Kranichzug, die weit über eine bloße Kulisse hinausreichen und die besondere Atmosphäre des Romans eindrucksvoll unterstreichen.
Mit dem granteligen Bo hat die Autorin einen wunderbar vielschichtigen Protagonisten geschaffen, dessen Eigenheiten und Schwächen sie sehr warmherzig und authentisch einfängt.
Bewegend ist es mitzuerleben, wie dieser sture Eigenbrötler an seinem Lebensende doch beginnt, seine verfahrene Beziehung zu seinem Sohn zu überdenken. So erkennt er schließlich verletzendes Verhalten, Versäumnisse und fatale Fehlentscheidungen, gesteht Schuld ein und sucht die Annäherung, um um Verzeihung zu bitten. Eindrucksvoll zeigt Ridzén zudem auf, wie die tief verwurzelte Schweigsamkeit und tradierte emotionale Verschlossenheit der Männer seiner Generation, geprägt von Stolz und männlicher Härte, zu tiefen Wunden und belasteten Beziehungen führte.
Trotz der melancholischen Grundstimmung und schwierigen Thematik versteht sie es, immer wieder hoffnungsvolle, herzerwärmende und tröstliche Momente in die nachdenklich stimmende Geschichte einzustreuen.
FAZIT
Ein berührender Roman über Abschied und späte Versöhnung, der nachdenklich stimmt. Ein gelungenes, lesenswertes Debüt, das durch Feingefühl und atmosphärische Dichte besticht.
In ihrem bewegenden Debütroman „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ erzählt die schwedische Autorin Lisa Ridzén eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der sie sich sehr einfühlsam dem Altwerden, der Vergänglichkeit des Lebens, dem Loslassen sowie der familiären Entfremdung widmet. Dabei beleuchtet sie zudem mit viel Feingefühl die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, die Verantwortung füreinander und die Möglichkeit versöhnenden Momente selbst spät im Leben.
Im Mittelpunkt steht der 89-jährige, pflegebedürftige Bo Andersson, einstiger Arbeiter in einer Sägemühle, der allein in einem kleinen Haus auf dem Land in einem abgelegenen nordschwedischen Dorf lebt und seinen Alltag mit seinem treuen Jagdhund Sixten teilt. Seit seine demente Frau Frederika in einem Pflegeheim lebt, beschränkt sich Bos zurückgezogenes Leben auf die regelmäßigen Besuche des Pflegedienstes, die oft angespannten Kontakte zu seinem Sohn, die wöchentlichen Gespräche mit seinem alten Freund Ture, Erinnerungen an sein langes Leben und die wachsende Angst, immer mehr von seinem Körper im Stich gelassen zu werden und seine Selbstständigkeit zu verlieren.
Schrittweise tauchen wir in den einsamen und tristen Lebensalltag des hochbetagten Bo ein, in den Ridzén gekonnt Gedankengänge, lebendigen Träume und melancholische Grübeleien eingewoben hat. Rückblenden lassen ihn über die gemeinsame Zeit mit seiner geliebten Frau, seine Mutter und vor allem die schwierige Beziehung zu seinem harten, gefühlskalten Vater nachsinnen.
Die Episoden von Bos Alltag werden geschickt von knappen Einträgen aus dem Pflegetagebuch des Pflegeteams unterbrochen, in denen die verschiedenen Betreuer nüchterne Notizen zu Bos Stimmung, Schlaf- und Essgewohnheiten hinterlassen sowie besondere Vorkommnisse festhalten, wodurch wir einen objektiveren Blick auf seinen Zustand und den fortschreitenden Abbau erhalten. So gewinnen wir Über kurze Dialoge, unspektakuläre Alltagsszenen und Erinnerungsfragmente entfaltet sich allmählich Bos Lebensgeschichte und sein reiches Innenleben. Trotz des ruhigen Erzähltempos versteht es die Autorin eine subtile Spannung aufzubauen.
Beeindruckend sind die Schilderungen der schwedischen Natur – weite Landschaften, raues Winterwetter und der majestätische Kranichzug, die weit über eine bloße Kulisse hinausreichen und die besondere Atmosphäre des Romans eindrucksvoll unterstreichen.
Mit dem granteligen Bo hat die Autorin einen wunderbar vielschichtigen Protagonisten geschaffen, dessen Eigenheiten und Schwächen sie sehr warmherzig und authentisch einfängt.
Bewegend ist es mitzuerleben, wie dieser sture Eigenbrötler an seinem Lebensende doch beginnt, seine verfahrene Beziehung zu seinem Sohn zu überdenken. So erkennt er schließlich verletzendes Verhalten, Versäumnisse und fatale Fehlentscheidungen, gesteht Schuld ein und sucht die Annäherung, um um Verzeihung zu bitten. Eindrucksvoll zeigt Ridzén zudem auf, wie die tief verwurzelte Schweigsamkeit und tradierte emotionale Verschlossenheit der Männer seiner Generation, geprägt von Stolz und männlicher Härte, zu tiefen Wunden und belasteten Beziehungen führte.
Trotz der melancholischen Grundstimmung und schwierigen Thematik versteht sie es, immer wieder hoffnungsvolle, herzerwärmende und tröstliche Momente in die nachdenklich stimmende Geschichte einzustreuen.
FAZIT
Ein berührender Roman über Abschied und späte Versöhnung, der nachdenklich stimmt. Ein gelungenes, lesenswertes Debüt, das durch Feingefühl und atmosphärische Dichte besticht.