Über das hohe Lebensalter und die Abschiede, die es mit sich bringt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
eternal-hope Avatar

Von

Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, erkennt sie die beiden nicht einmal mehr. Selbst ist Bo geistig noch sehr fit, abgesehen von der normalen Altersvergesslichkeit. Doch sein Körper lässt ihn immer mehr im Stich: manchmal schafft er es nicht mehr rechtzeitig aufs Klo und feinmotorische Tätigkeiten wie das Öffnen eines Hosen- oder Hemdknopfes fallen ihm schwer.

Er wohnt noch alleine mit seinem geliebten Hund Sixten in seinem alten Haus und wird regelmäßig von einem ambulanten Pflegedienst besucht und unterstützt. Sein Hund ist eine seiner größten Freuden und er kann nicht vorstellen, sich von diesem zu trennen - auch wenn sein Sohn Hans immer wieder darauf drängt, den Hund herzugeben, denn Bo könne sich nicht mehr gut genug um ihn kümmern, sei nicht mehr zu langen Spaziergängen mit ihm in der Lage und außerdem fürchte der Sohn, sein Vater könne bei einem der Spaziergänge im Wald stürzen und sich schwer verletzen. Doch lange weigert sich Bo mit allen Mitteln dagegen, für den Hund ein neues Zuhause zu suchen...

Dieses Buch hat mich sehr tief berührt. Es ist aus der Sicht von Bo geschrieben, der von seinem Alltag erzählt, sich immer wieder in der Du-Form an die geliebte, demente Ehefrau wendet, und uns an den Erinnerungen an sein Leben teilhaben lässt. So viele einzelne Momente ziehen an ihm innerlich vorbei, während er sich immer mehr von der äußeren Welt abwendet und seinem Tod nähert: von dem harten, fordernden Vater und der Befreiung von diesem, von der liebevollen, aber schwachen Mutter, von vielen glücklichen Ehejahren mit Fredrika, von der Freude über den gemeinsamen Sohn und später über die Enkelin und dem Erstaunen darüber, was für eigenständige, von einem selbst ganz unterschiedliche Wesen da entstanden sind, von der Freundschaft zu einem ebenfalls alten, lebenslang alleinstehenden Freund, der mehr in der Welt herumgekommen ist als Bo selbst, und von vielem mehr. Zwischen den einzelnen Kapiteln eingefügt sind kurze Notizen des Pflegeteams, z.B. "8:15 Uhr: Medikamentengabe + Atemtrainer. Bo mürrisch, weigert sich, seinen Haferbrei zu essen. Er will, dass ich mit dem Hund rausgehe, aber ich habe keine Zeit. Eva-Lena." (S. 199)

Geschrieben von einer Autorin, die selbst noch nicht einmal 40 ist, empfinde ich die Erzählstimme als äußerst authentisch. Wahrscheinlich verfügt die Autorin über viel Einfühlungsvermögen und stand ihrem Großvater sehr nahe: die Idee für dieses Buch, ihr Debüt, entstand, nachdem sie ein Heft mit Notizen seines Pflegeteams gefunden hatte.

Es finden sich viele tiefsinnige Gedanken übers Älter-Werden, pflegebedürftig werden und den Tod in diesem Buch und darüber, was es bedeuten, ans Ende des Lebens zu kommen. Damit hilft das Buch, sich in die Perspektive von Menschen am Ende ihres Lebens hineinzuversetzen:

"Wegen der Herztabletten musste ich die Arthritismedikamente absetzen; aber zum Glück verursachen die Finger keine großen Schmerzen. "Herz oder Gelenke", sagte der Honorararzt mit einem blöden Lächeln im Gesicht. "Da fällt die Entscheidung nicht schwer, oder?" (S. 19)

"Bei Sixtens Anblick denke ich automatisch an Hans. Ich werfe die Fotos auf den Tisch. Wenn Ellinor meine Tochter und nicht meine Enkelin wäre, wenn sie anstelle von Hans das Sagen hätte, dann wäre alles besser. Sie würde mir Sixten niemals wegnehmen." (S. 111)

"Der Körper ist schwer. Schwerer als üblich. Schwankend setze ich mich auf dem Bettrand auf. Die Matratze ist so weich, dass ich Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten." (S. 258)

"Ture war ein langes Leben vergönnt", sagt die Pastorin. Deshalb ist die Kirche auch so leer. Die meisten seiner Bekannten sind gestorben. (S. 351)

Natürlich ist es auch ein trauriges Buch, denn es sind traurige Themen, von denen es handelt: Älter werden, pflegebedürftig werden, Menschen verlieren, Tiere verlieren, Fähigkeiten verlieren, immer weniger Selbstbestimmung, Schmerzen, Abschied nehmen, Sterben. Doch sind es dabei zugleich zutiefst existenzielle Menschheitsthemen, mit denen wir alle früher oder später konfrontiert werden, und es lohnt sich sehr, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür kann ich dieses warmherzige und berührende Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen!