Ins Paradies vertrieben

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owenmeany Avatar

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Was wurde nicht alles geschrieben im Gedenkjahr des großen deutschen Literaturnobelpreisträgers? Und was kann man der Fülle an fiktiver und faktischer Literatur noch an neuen Erkenntnissen zufügen? Aus diesem Grund greifen alle bestimmte Einzelaspekte heraus, wie Tilman Lahme die sexuelle Orientierung, Mittelmeier seine Jahre in Kalifornien, Eckardt denkt sich einen Krimi aus am Schauplatz der Kurischen Nehrung. Und Illies nimmt sechs Monate in Südfrankreich ins Visier.

Allerdings bildet diese kurze Zeitspanne einen wichtigen Wendepunkt in der Odyssee der Familie Mann, die am 11.02.2033 mit einer Abreise aus dem heimatlichen München zur einer Vortragsreise beginnt, ohne zu ahnen, dass sie nie mehr zurückkehren werden in das Haus in der Poschingerstraße.

Als wäre er persönlich dabeigewesen, so lebendig und detailliert schildert Illies die Umstände nicht nur der Manns, sondern all der anderen gleichen Schicksals, die sich in dem Küstenstädtchen Sanary wiederfinden. Ungewiss, wie es weitergehen soll und wie lange dieser Zustand außerhalb von Zeit und Raum andauern wird, gehen sie ihren Alltäglichkeiten nach und feiern Feste, gehen wechselnde Beziehungen ein und sind sich ihrer Entwurzelung noch nicht so richtig bewusst. Illies verhehlt weder Licht- noch Schattenseiten der unterschiedlichen Charaktere. Feuchtwanger arbeitet an den "Geschwistern Oppermann", Thomas Mann an den Josephsromanen. Ein halbes Jahr nur, als Provisorium gedacht, im Laufe dessen sie sich immer mehr mit dem Gedanken an das Exil abfinden müssen. Wir begegnen Aldous Huxley, Arnold Zweig, Bert Brecht und vielen anderen nebst den jeweiligen Konkubinen.

Kuriose, verblüffende Tatsachen tischt er uns auf, die zusammengenommen doch ein Bild ergeben: Elisabeth darf anders als ihr Bruder Michael nicht Musik studieren. Und wie der Verleger Bermann Fischer den Renommierautoren seines vom Schwiegervater ererbten Verlags regelrecht erpresst und damit in existenzielle Konflikte stürzt, die diesen besonders mit seinem Sohn Klaus unwiderruflich entzweien!

Um so leichtfüßig daherplaudern zu können, hat Illies Bücher gewälzt und Archive durchforstet, um daraus den Honig zu saugen, der diese ganzen Bröckchen zu einer stringenten Masse verbindet. Auf welcher Fülle von gesammelten Erkenntnissen dieses Werk beruht, das lässt das Nachwort und die Danksagungen nur erahnen. Mit wieviel Spekulation er all diese zu einem romanhaften Ganzen vermengt, bleibt ungewiss, aber man muss ja keine Doktorarbeit darauf erbauen, sondern das Buch nach genussvoller Lektüre zweifellos bereichert zuklappen.