Zwischen Erwartung und Selbstbestimmung

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arbnora.ra Avatar

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In „Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen“ begleitet man Regina, eine Psychologin, deren Karriere wegen familiärer Verpflichtungen ins Hintertreffen geriet, und ihre beiden Töchter Antonia und Wanda über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten. Die Mutter-Tochter-Beziehungen könnten kaum unterschiedlicher sein: Antonia, die ihr Studium abgebrochen hat und als alleinerziehende Mutter lebt, hat aufgegeben, den Erwartungen ihrer Mutter gerecht zu werden. Sie hat sich von dem Bestreben, Reginas Anerkennung zu gewinnen, längst verabschiedet. Wanda hingegen, von dem Wunsch nach Anerkennung getrieben, setzt alles daran, das Idealbild ihrer Mutter zu erfüllen. Ihr Perfektionsstreben – die Klügste, Schlankste und Beste sein zu wollen – führt schließlich zu einer Essstörung.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die 1998, 2010 und 2019 spielen. So begleitet der Leser die Familie über eine längere Zeitspanne hinweg. Im Mittelpunkt steht der Einfluss von Regina auf das Leben ihrer Töchter. Regina möchte, dass ihre Kinder jene Träume verwirklichen, die ihr selbst verwehrt geblieben sind. Aus ihrer Sicht will sie nur das Beste für sie – und das Beste bedeutet für Regina beruflichen Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung. Sie bemerkt jedoch nicht, wie sehr sie ihre Töchter bewertet und ihnen dadurch ein negatives Selbstbild vermittelt. Die beiden Schwestern reagieren sehr unterschiedlich auf diesen Druck: Während Antonia sich innerlich distanziert, weil sie ihre Mutter ohnehin nicht zufriedenstellen kann, verbeißt Wanda sich in die Erwartungen ihrer Mutter – bis zur Selbstzerstörung. Auch das Verhältnis der Schwestern zueinander ist von diesem mütterlichen Druck geprägt und entwickelt sich zu einem stillen Konkurrenzkampf.
Mir gefällt die Thematik sehr gut, und meiner Meinung nach hat Anna Brüggemann sie eindrucksvoll umgesetzt. Die Protagonistinnen wirken authentisch und sind nicht auf bloße Sympathie angelegt. Einzig der Einstieg in die Handlung fiel mir etwas schwer, und stellenweise hätte ich mir noch etwas mehr Tiefe gewünscht.