Fesselnd

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
ninareads Avatar

Von

Mein erster Eindruck von den Anfangs‑Seiten des Romans West of Wicked von Nikki St. Crowe ist, dass hier eine sehr stimmungsvolle, bildhafte und zugleich spannende Western‑Liebesgeschichte beginnt. Schon die ersten Absätze wirken atmospherisch dicht: Man spürt die Trockenheit, die Hitze, die staubige Geräumigkeit einer texanischen Kleinstadt am Rand der Zivilisation, und das Leben wirkt hier hart, aber ehrlich – genau wie ich mir einen guten Western vorstelle.

Besonders gut gelingt der Autorin der Einstieg über die Protagonistin: Sie wirkt nicht wie eine überzeichnete Heldin, sondern wie eine Frau, die sich an dieser rauen Welt abgearbeitet hat, aber noch genug Würde und Stolz besitzt, um sich nicht brechen zu lassen. Ihre innere Stimme ist klar, ihr Humor trocken, und gerade diese Mischung aus Selbstironie und innerer Härte macht sie mir als Leserin sofort sympathisch. Man merkt, dass sie in ihrem Leben schon einiges hinter sich hat, und dass jedes Wort, das sie denkt, sich aus Erfahrung und Überlebenswillen speist.

Auch die Figuren um sie herum sind schon in den ersten Seiten eindrücklich konturiert. Die Dorfgemeinschaft, die Kneipe, die Männer, die mit misstrauischen Blicken und zweideutigen Sprüchen auftrumpfen – all das transportiert eine sehr authentische Dynamik, in der man als Leser sofort spürt, wo Macht liegt, wo Grenzen gezogen werden und wo sich leise Rebellion breitmacht. Es fühlt sich nicht wie eine kitschige Western-Postkarte an, sondern wie ein lebendiger, manchmal unbequemer Ort, an dem Menschen versuchen, ihre eigenen Regeln zu leben.

Besonders beeindruckt hat mich, wie subtil und gleichzeitig klar die Spannung zwischen den Figuren aufgebaut wird. Schon in den ersten Begegnungen spürt man eine Art unterschwelliges Signalfeuer: Da sind Attraktion, Abwehr, Neugier und eine gewisse Vorsicht am Werk, die sich nicht in plumpen Sprüchen oder übertriebenen Verwicklungen äußert, sondern in Blicken, kleinen Gesten und halb ausgesprochenen Sätzen. Genau das macht für mich einen guten Roman aus: Wenn man schon in den ersten Seiten merkt, dass sich hier etwas Wichtiges anbahnt, ohne dass alles sofort erklärt oder aufgezeichnet wird.

Das Schreiben selbst wirkt flüssig und sehr bildstark. Die Beschreibungen sind nicht zu lang, aber präzise – man riecht den Staub, spürt die Hitze, hört die leisen Geräusche einer Stadt, in der jeder jeden kennt, ohne dass man sich überladen vorkommt. Die Sprache wirkt literarisch, aber nie gestelzt, und gerade dieser Stil passt sehr gut zu einer Geschichte, die sich mit Verlangen, Freiheit und den Grenzen zwischen Gut und Böse beschäftigt.

Insgesamt hat mich West of Wicked in den ersten Seiten als Leserin sofort eingefangen: durch eine starke, authentische Protagonistin, eine dichte Western-Atmosphäre und eine feine, aber deutliche Spannung, die sich langsam aufbaut. Ich würde dieses Buch sehr gerne weiterlesen, weil es das Gefühl vermittelt, in eine Welt einzutauchen, in der sich nicht nur ein Plot, sondern auch Charaktere entwickeln – und in der das Versprechen von „Folge deinem Verlangen“ nicht nur ein Werbeslogan, sondern eine echte, riskante Entscheidung zu werden scheint.