Ein nicht gehaltenes Versprechen

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kleine hexe Avatar

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Das Buch hat stark begonnen. Weniger der Teil, der in der Gegenwart spielt, als mit der Ankunft Zofias in Berlin, die Schwierigkeiten beim Zurechtfinden in einem neuen Land, in neue Verhältnisse. Der Kampf mit der Sprache, mit den Behörden, mit dem Schulsystem. Ich frage mich, wie die vielen Flüchtlinge aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan, Nordafrika sich da durchgeschlagen haben. Aber da sie in großen Massen kamen, wurde ihnen von Anfang an geholfen. Einzelne Familien aus anderen Ländern gehen da unter, sie müssen allein zurechtkommen. Das war sehr einleuchtend und einprägsam geschildert.
Doch leider flachte das Buch zusehends ab. Also, die Handlung setzt im November 2020 ein, als Europa, die ganze Welt eigentlich, fest im Griff von Corona war, und Wieczorek schafft es, diese polnische Familie zur Zeit des absoluten Reiseverbotes nach Berlin kommen zu lassen?
Dann geht Zofia regulär in die Schule? Es fand kein Präsenzunterricht mehr statt. Alles nur online. Homeschooling nennt sich das. Da muss aber Zofia allein in der Klasse gesessen haben.
Noch eine Ungereimtheit: Zofia und Jonas freunden sich an, das ist schön. Was ich nicht verstehe, ist, wieso Zofia nicht weiß wer Nils ist. Mädchen in kleineren Klassen wissen immer, welche Jungs in den größeren Klassen sind, mit wem sie zusammenhängen, wer mit wem befreundet ist. Die Mädchen kennen sie nicht, aber die Jungs auf jeden Fall. Wieso lässt die Autorin Zofia nicht wissen, dass Nils und Jonas die besten Freunde sind?
Nächste Ungereimtheit: Der Schuldirektor macht solch ein Aufhebens um die besprühte Mauer, die abgelegen steht. Hat er wirklich mitten in der Corona Zeit keine anderen Sorgen? Doch halt, in dem Buch findet kein Corona statt. Also wird eine an einem einsamen Weg gelegene Mauer zum Politikum hochstilisiert. Und wären wirklich Laptops verschwunden, hätte der inkompetente Direktor die Polizei einschalten müssen. Geht nicht anders.
Nächster Meckerpunkt: Nessie. Wirklich? Klingt unseriös, kindisch. Nessie sagt man zur Not einem kleinen Mädchen oder der Schmusekatze. Keine 20jährige Frau, die auf sich hält, will so gerufen werden.
Dann komme ich mit der Zeit nicht zurecht. 2020 und dann 2025. OK, für ein Architekturstudium braucht man kein Abitur, Mittlere Reife tut es auch. Das können wir also gelten lassen.
Die zwei Jungs, die sie in der Kindheit so hinterlistig und heimtückisch verraten haben, tauchen wieder auf, sie entschuldigen sich und alles ist wieder gut. Wie schön. Innerhalb kürzester Zeit werden Nils und Nessie (Schmusekatze) zu Lovers als wäre nichts gewesen. Nur verrät Nils die junge Frau erneut, er traut sich nicht, seiner Mutter zu sagen, er liebt nun Nessie. Weil die Mutter ihn auf die Straße setzen würde und der Vater ihm die Finanzierung streicht. Hallo? Studentenwohnheime, Arbeit als Hiwi - macht er ja eh schon. Wo liegt das Problem? Zum Schluss ist eh alles Friede, Freude, Eierkuchen, Nessie verzeiht noch einmal alles, Nils bemalt das Café in dem Nessie jobbt, der Liebe steht nichts mehr im Weg und Nessie fühlt sich angekommen.
Sorry, keine Leseempfehlung von mir. Der Anfang war gut, aber dann ging die Story den Bach runter.