Schweizer Idylle trifft die Realität des Lebens
Constantin Lieb gelingt mit Wildboden ein faszinierender, atmosphärisch ungemein dichter Einstieg, der durch seine psychologische Tiefe sofort fesselt. Der abrupte Wechsel von der gegenwärtigen Annäherung an das geschichtsträchtige Haus hinein in die historische, beklemmende Intimsphäre von Erna und Ernst Ludwig Kirchner erzeugt eine spürbare, fast physische Schwere. Besonders die feine Sezierungen der Charaktere überzeugt: Ernas subtile Melancholie und die toxische Ernsthaftigkeit Kirchners, der sich im Netz seiner Sucht und körperlichen Limitierungen verfängt, besitzen eine enorme psychologische Substanz. Das alpine Setting fungiert hierbei nicht als Postkartenidylle, sondern als Isolationstank, der die inneren Konflikte und das drohende Unheil der Figuren meisterhaft spiegelt. Ein vielversprechender, angenehm ungeschönter Blick auf das Ringen eines Künstlers.