Wo Kunst zum Lebensraum wird

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maison.tania Avatar

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Es gibt Bücher, die nicht nur über Kunst erzählen, sondern selbst versuchen, sich ihrem Blick anzunähern. Wildboden gehört in dieser Leseprobe für mich genau dazu.
Schon die Ankunft am Wildbodenhaus wirkt weniger wie eine Reise als wie eine langsame Verschiebung der Wahrnehmung. Der Weg durch das Tal, das Verschwinden des Handyempfangs, das Wetter, das sich verdichtet, bis schließlich dieses Haus auftaucht, das längst aus Bildern, Vorstellungen und kunsthistorischer Erinnerung existiert hat, erzeugt eine eigentümliche Spannung. Nicht dokumentarisch, nicht biografisch nüchtern, sondern beinahe so, als würde man in ein Gemälde hineingehen.
Was mich als Kunstliebhaberin besonders angesprochen hat, ist die Art, wie Kunst hier nicht als fertiges Werk erscheint, sondern als Lebensform. Der Roman interessiert sich nicht für den Mythos des Künstlers, sondern für die Zwischenräume: für Material, Atmosphäre, Erschöpfung, Zweifel, für die Frage, was Kunst mit einem Menschen macht und was sie ihn kostet.
Besonders stark fand ich die Perspektive auf Erna Schilling. Sie bleibt nicht bloß Begleiterin eines berühmten Malers. In diesen Seiten entsteht sie als eigene Wahrnehmende. Die Momente, in denen sie beobachtet, wie morgens die Farben der Teppiche und Wände aufleuchten und die Stube sich in einen Schauraum verwandelt, gehören für mich zu den schönsten Stellen der Leseprobe. Da steckt etwas sehr Wahres über Kunst darin: dass Räume Erinnerungen speichern können und Licht plötzlich etwas sichtbar macht, das vorher nur da war.
Auch Kirchner selbst wird nicht verklärt. Er erscheint verletzlich, körperlich angegriffen, gleichzeitig voller Ernst gegenüber seiner Arbeit. Seine Sorge, wie die Menschen auf sein Relief reagieren werden, hat mich berührt. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus diesem tiefen Wunsch heraus, verstanden zu werden. Dass Kunst Anerkennung sucht und zugleich unabhängig davon existieren möchte, zieht sich leise durch die Szenen.
Besonders nachhallend fand ich, dass der Text immer wieder mit Gegensätzen arbeitet: Schutz und Enge, Schönheit und Isolation, Atelier und Gefängnis, Nähe und Distanz. Das Wildbodenhaus wirkt dabei fast wie ein eigenes Kunstwerk. Ein Ort, der nicht Kulisse ist, sondern mitwirkt, beobachtet und seine Bewohner formt.
Diese Leseprobe hat bei mir weniger das Gefühl hinterlassen, eine Geschichte begonnen zu haben, als einen Ort betreten zu haben. Einen Ort aus Holz, Farbe, Wetter, Schweigen und Kunst. Und ich habe das Gefühl, dass genau darin die Stärke dieses Romans liegen könnte. Nicht darin, über Kirchner zu informieren, sondern darin, erfahrbar zu machen, wie es sich anfühlen könnte, in der Nähe von Kunst zu leben.