Atmosphärisch stark - ein Buch für Leser mit Geduld und Interesse an Kirchner und seiner Zeit.

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therealmike Avatar

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1936, Frauenkirch bei Davos. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner lebt zurückgezogen in den Bergen, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling. In seinem Debütroman erzählt Constantin Lieb von den letzten Jahren dieser Beziehung, von einem Paar, das mal zueinander findet und mal aneinander vorbeilebt, und von einem Künstler, der mit Psychosen und Sucht kämpft, während draußen in Deutschland die politische Lage immer bedrohlicher wird.
Das Setting hat mich sofort gepackt. Die Berge, die Enge des Hauses, die wortkargen Nachbarn, das erzeugt eine dichte, fast beklemmende Stimmung. Auch wie sich die politischen Entwicklungen immer wieder ins Private schleichen, ohne dass der Roman sie groß in den Vordergrund stellt, finde ich gelungen.
Schwerer getan habe ich mich mit dem eigentlichen Herzstück, der Beziehung zwischen Kirchner und Erna. Das Thema ist speziell. Ein Künstlerroman, der sich stark auf Psychosen und Probleme konzentriert, die alles andere als alltäglich sind, und der einem als Leser einiges an Bereitschaft abverlangt, sich darauf einzulassen. Die Sprache fand ich streckenweise sperrig, gerade am Anfang bin ich schwer reingekommen. Auch die Entwicklung der Figuren wirkte auf mich manchmal sprunghaft, sodass ich Erna und Kirchner nicht immer folgen konnte. Zum Ende hin wird es besser, vielleicht weil man als Leser dann einfach besser drin ist und die beiden näher kennt.
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Bücher ohne große Handlung. Aber dann müssen sie auf andere Weise überzeugen, über Sprache, über die Figuren, über Atmosphäre. Und genau da hat mir hier etwas gefehlt. Wildboden ist an manchen Stellen eindrücklich, insgesamt hat es mich aber nicht ganz überzeugt. Unterm Strich bleibt ein atmosphärisch dichter, aber sprachlich sperriger Künstlerroman, der sich vor allem an Leser richtet, die sich auf Kirchner, seine Zeit und ein psychologisch anspruchsvolles Beziehungsdrama einlassen wollen. Wer das mitbringt, findet hier etwas, alle anderen könnten sich schwertun. Von mir eine eingeschränkte Leseempfehlung.