Atmosphärische Künstlerbiografie

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In seinem Roman „Wildboden“ beleuchtet Constantin Lieb das von inneren Dämonen und äußeren Bedrohungen zerrissene Spätwerk des Malers Ernst Ludwig Kirchner. Als Kunstliebhaber muss ich gestehen, dass ich zwar kein allzu großer Fan des Expressionismus und seiner oft grellen, deformierten Ästhetik bin, das exzentrische Leben der expressionistischen Maler jedoch seit jeher als ungemein faszinierend empfinde. Besonders Kirchners radikal zurückgezogenes Dasein in der Abgeschiedenheit seiner Schweizer Hütte auf dem Wildbodenplateau entfaltet eine ganz eigene, fast hypnotische Anziehungskraft, der man sich kaum entziehen kann. Der Autor versteht es, genau dieses klaustrophobische, von Sucht und Paranoia geprägte Exil spürbar zu machen, indem er geschickt auf ein paar historische Eigenarten der Kirchner'schen Biografie eingeht. So wird der quälende Missbrauch des Beruhigungsmittels Eukodal ebenso atmosphärisch dicht eingeflochten wie Kirchners tief sitzender Hass auf das Militärische oder seine manische Gewohnheit, eigene Werke vordatieren zu wollen, um seine absolute künstlerische Vorreiterrolle vor der Kunstgeschichte zu fingieren. Auch das wechselhafte, von gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Verhältnis zu seiner Lebensgefährtin Erna Schilling wird nuanciert herausgearbeitet, wobei der Roman die Perspektiven zwischen den Zeiten und Figuren fließend ineinandergleiten lässt. Gelegentlich neigt die Handlung jedoch dazu, in eine traumartige, fast gespenstische Phantasmagorie zu kippen, in der tote Kritiker wie Louis de Marsalle leibhaftig auferstehen. Durch diese surrealen Einschübe verliert der Text stellenweise an erzählerischer Bodenhaftung, und manche Szene wie das bizarre, fast slapstickhafte Überfressen Ernas vor den Augen des Künstlers wirkt in ihrer Drastik etwas überzeichnet. Dadurch verflacht das psychologische Porträt in den entscheidenden Momenten und verharrt eher an der kunstvollen Oberfläche, anstatt die wahre existentielle Tiefe des drohenden Suizids von 1938 gänzlich auszuleuchten. Als Fazit lässt sich festhalten, dass der Roman als atmosphärische Künstlerbiografie dennoch gut gelungen ist und durch seine pointierte Darstellung der Davoser Bergwelt eine durchaus kurzweilige Unterhaltung liefert, aber, wie angesichts der schwierigen Materiallage fast zu erwarten war, natürlich auch keinen ganz großen literarischen Wurf darstellt.