Beklemmend

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Der Erzähler nimmt die Leser/innen mit nach Wildboden, oberhalb von Frauenkirch. Hier haben Ernst Ludwig Kirchner und seine Lebensgefährtin Erna Schilling die letzten gemeinsamen Jahre verbracht. Der Roman wechselt ab zwischen kurzen Einschüben in der heutigen Zeit, in der ‚man‘ dem Künstler nachspürt, sein Haus erkundet, und dem Jahr 1938, in dem der Nationalsozialismus auch vor der Schweiz nicht haltmachte. Die unpersönliche Schreibweise, die der Autor für die heutige Gegenwart gewählt hat, kennzeichnet das Erzählte als allgemein verfügbare Erfahrung, nicht als individuelles Erlebnis. Mit dem Wildbodenhaus betritt man das Reich der Kirchners und ist sogleich in der klaustrophobischen Atmosphäre gefangen. Die Geschehnisse von 1938 fokussieren abwechselnd auf den Perspektiven von Ernst und Erna, der auktoriale Erzähler fügt jedoch zuweilen das ein, was die beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen können.
Erna führt ein Leben, das sie seit 15 Jahren ganz dem Künstler unterordnet. Ihr eigenes kleines Zimmer betritt Kirchner nicht. Die beiden haben wenig emotionale Berührungspunkte, sie sorgt für ihn, kocht, hält das Haus in Ordnung, ist auch mal sein Modell. Sonst besteht ihr Leben vor allem daraus, ihn in seinem Atelier über sich zu hören und sich um ihn zu sorgen. Sie ist aber auch diejenige, die Kirchners Kunst vermittelt, sich um alles Bürokratische kümmert. Seine Werke gelten nun als ‚entartet‘, er fühlt sich nicht anerkannt und sinkt immer tiefer in die seelische Krise, die ihn seit Jahren begleitet. Morphiumsüchtig, verunsichert durch die politische Lage, ist Kirchner zunehmend demütigend und lieblos gegenüber Erna. Manisch produziert er seine Kunst, will als eigenständig und vorausgehend wahrgenommen und nicht mit den anderen Künstlern der ‚Brücke‘ verglichen werden. Ein Eheversprechen gegenüber Erna hält er nicht ein, das Verhältnis der beiden betrachtet er als ‚Kameradschaft‘. Wie es Erna damit geht, interessiert ihn nicht, und auch die Passagen, die aus ihrer Figurenperspektive geschrieben sind, lassen kein klares Bild zu. Berührend ist jedoch, wie sie sich nach seinem Tod vor den Spiegel stellt und sich von allem befreit, das Kirchner in ihr gesehen und nach seinen Vorstellungen gemalt hatte: ‚Das war sie, sie gehörte sich selbst‘. (209)
Die Ereignisse, die hier geschildert werden, sind weitgehend historisch verbürgt, Constantin Lieb stützt sich vor allem auf Briefe und Schriften Kirchners sowie Werke über ihn. Die Fiktionalisierung ist außerordentlich gelungen, es entsteht ein lebendiges Bild eines Künstlers, der an sich und der Welt scheitert, dessen Werk ihn überdauert. Dabei besticht die präzise, eingängige Sprache des Romans. Ein tiefes, beklemmendes Werk.