Eine leise Geschichte über Liebe, Verlust und Selbstbestimmung

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christina29 Avatar

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Wildboden von Constantin Lieb ist ein Roman, der bei mir vor allem durch seine besondere Atmosphäre Eindruck hinterlassen hat. Das Cover finde ich sehr passend gestaltet. Die kräftigen, etwas ungewöhnlichen Farben und die Anlehnung an einen expressiven Malstil machen direkt neugierig und passen natürlich auch sehr gut zur Verbindung mit Ernst Ludwig Kirchner. Es wirkt dadurch nicht wie ein typischer historischer Roman, sondern hat etwas Künstlerisches und Eigenes.

Die Geschichte spielt in den 1930er-Jahren in der Schweiz und beschäftigt sich vor allem mit der Beziehung zwischen Erna Schilling und dem Maler Ernst Ludwig Kirchner. Besonders interessant fand ich, dass nicht nur Kirchner als berühmter Künstler im Mittelpunkt steht, sondern Erna viel Raum bekommt. Dadurch bekommt man einen anderen Blick auf eine Person, über die ich vor dem Buch ehrlich gesagt kaum etwas wusste. Die Verbindung aus historischem Hintergrund, Kunst und der persönlichen Geschichte der beiden hat mir gut gefallen.

Der Schreibstil ist eher ruhig und literarisch. Man muss sich darauf einlassen, denn die Geschichte wird nicht in einem rasanten Tempo erzählt. Gerade die Beschreibungen der Umgebung und die Stimmung haben für mich aber sehr gut funktioniert. Ich hatte beim Lesen immer wieder das Gefühl, die Landschaft und das Leben auf dem Wildboden vor Augen zu haben. An manchen Stellen war mir die Erzählweise allerdings etwas zu langsam, wodurch ich nicht immer ganz so gefesselt war, wie ich es mir gewünscht hätte.

Besonders spannend fand ich Erna als Figur. Sie ist keine klassische Heldin, sondern eine Frau mit eigenen Ängsten, Bedürfnissen und Widersprüchen. Ihre Entwicklung fand ich deshalb sehr nachvollziehbar und interessant. Auch die Beziehung zwischen ihr und Kirchner wird nicht einfach romantisiert, sondern mit ihren schwierigen Seiten gezeigt. Das hat die Geschichte für mich glaubwürdiger gemacht.

Interessant war der Roman für mich auch deshalb, weil ich nach dem Lesen tatsächlich mehr über Erna Schilling und Kirchner erfahren wollte. Constantin Lieb verbindet historische Personen und Ereignisse mit literarischer Fiktion und macht dadurch neugierig darauf, was hinter der Geschichte steckt. Wildboden ist außerdem sein erster Roman, nachdem er zuvor unter anderem als Autor und Dramaturg gearbeitet hat. (Suhrkamp Verlag⁠)

Insgesamt ist Wildboden für mich ein ruhiger, atmosphärischer und stellenweise sehr berührender Roman. Ich würde ihn besonders Leser*innen empfehlen, die historische Geschichten, Kunst und eher anspruchsvolle, ruhige Erzählweisen mögen. Wer eine schnelle und actionreiche Handlung erwartet, könnte dagegen etwas Geduld brauchen. Für mich hat sich das Einlassen auf die Geschichte aber gelohnt – vor allem wegen der besonderen Atmosphäre und der Perspektive auf Erna Schilling.