Erkenntnishungriges Herz
Constantin Liebs erster Roman „Wildboden“ hat mich auf eine ganz andere Art und Weise berührt, als ich es zuvor erwartet habe. Für die ersten Seiten des Buches habe ich etwas länger braucht als erwartet, dies liegt aber viel mehr an dem sehr beruhigenden Schreibstil als an fehlendem Spannungsaufbau. An einer Stelle im Buch schreibt Lieb, dass man nie alleine ist, da man doch mindestens immer sich selbst habe und rückblickend fühlte auch ich mich nicht alleine während ich das Buch las. In tiefer Verbundenheit zu Erna, vielleicht sogar ein wenig hineinschlüpfen in ihre Schuhe oder ihr in der Stube Gesellschaft leisten, stöberte ich durch die Seiten und empfand mit jedem weiteren Wort großes Mitgefühl für sie. Während ihre Liebe zu Ernst oft einer Einbahnstraße glich, setzte sie doch immer alles daran das Leben für ihn so angenehm zu gestalten wie es ihr möglich war. Tief in ihrem Inneren, so mag ich es an dieser Stelle vermuten, war ihr die Liebe des Malers bewusst - die Verfassung eben dieses aber machte es ihm zu Weilen unmöglich ihr mit Liebe, Wertschätzung und Verbundenheit entgegenzutreten. Kirchners Verfall erinnerte mich mit jeder Seite mehr an das vergehen der Jahreszeiten. Während die Blätter im Herbst beginnen sich in schillernden Farben zu zeigen und letztlich zu Boden glitten, so zeigte auch Kirchners geistige Verfassung einen ähnlichen Verfall. In mitten der immer düsterer werdenden Jahreszeit wurde auch sein Gemüt immer unruhiger und zeigte an wenigen Stellen dann doch wieder einen sonnendurchfluteten Tag, so wie wir diese im Spätherbst besonders wertschätzen. Für beide Protagonisten habe ich mir, da beide auf ihre Art Sympathieträger waren, ein Ende gewünscht welches für beide mit weniger Verlust und Schmerz verbunden gewesen wäre. Dieses Buch wird mich gedanklich noch lange begleiten.
Wer einen geschichtlichen Kontext und eine tragische Liebesgeschichte in einem Roman sucht, der wird hier fündig.
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