Für Kunstinteressierte

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
sound.of.closing.doors Avatar

Von

Ernst Ludwig Kirchner ist einer der bekanntesten Vertreter des deutschen Expressionismus, Mitbegründer der Künstlergruppe Die Brücke – und Überlieferungen zu Folge kein einfacher Mensch.
Durch Krieg und Krankheit geprägt und der Morphiumsucht erlegen, verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in der Schweiz.
Die sich zuspitzende politische Lage machte Kirchner auch in Davos schwer zu schaffen. Geplagt von Zukunftsängsten, fehlender Anerkennung und ausbleibenden Verkäufen kämpft er darum, weiterhin der Künstler zu bleiben, der er sein möchte. Bei allem an seiner Seite: Lebensgefährtin Erna Schilling.
Als die Nationalsozialisten über 600 seiner Werke beschlagnahmten, teils als „entartete Kunst“ ausstellten oder sogar vernichteten, zerbrach Kirchner innerlich. Die Geschehnisse gelten bis heute als Hauptmotiv seines späteren Selbstmordes.



Constantin Lieb schreibt in "Wildboden" über Schillings und Kirchners Zeit in Davos Frauenkirch, wo sie das so genannte „Wildbodenhaus“ bewohnten. Während Kirchner sein Leben als freischaffender Künstler lebt und die Abgeschiedenheit als Inspiration für viele Werke nutzt, übernimmt Erna Schilling die organisatorischen Aufgaben. Zwischen Liebesbeziehung und Zweckgemeinschaft, Charme und Abschätzigkeit, erzählt Constantin Lieb eine Geschichte über den Wunsch nach Zugehörigkeit und Halt. In meinen Augen ist "Wildboden" auch ein Roman über psychologische Abgründe und die deutliche Abwärtsspirale Kirchners, gleichermaßen aber auch über die Selbstfindung Erna Schillings, einer mehr als starken Frau.


Besonders gefallen hat mir, dass wir neben Erna Schillings Perspektive auch Kapitel aus Kirchners Sicht zu lesen bekommen.
Die Dynamik zwischen den beiden – in ihrer Kameradschaft, die manchmal gar nicht so weit entfernt von einer klassischen Liebesbeziehung zu sein scheint, dann aber wieder gänzlich anders – ist fesselnd dargestellt. Im Verlauf von "Wildboden" spitzen sich einige Situationen zu und damit meine ich nicht nur die Opiumsucht Kirchners. Wie sich Dankbarkeit und Abwertung die Hand geben, lässt tiefergehende psychologische Fragen aufkommen, die im Gedächtnis bleiben.
Der modern anmutende Blick Erna Schillings auf die gemeinsame Zeit, gewissermaßen ihre Ermächtigung und Befreiung, geben dem Roman zum Ende hin noch einen echten Aufschwung.

"Wildboden" ist natürlich ein perfekter Roman für Kunstinteressierte, aber auch für alle, die sich für persönliche Schicksale zur damaligen Zeit interessieren.