Ist Ernas Selbstermächtigung noch möglich?

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Ein schonungsloser Roman über die Aufopferung einer Frau für ihren Geliebten, den Künstler Ernst Ludwig Kirchner in den 1930‘er Jahren. Er, berühmt, von sich selbst maßlos überzeugt und drogensüchtig hat das Leben seiner „Kameradin“ Erna Schilling fest in der Hand. Ob er sich dessen bewusst ist und sie absichtlich so schlecht behandelt, ist mir im Verlauf des Romans nicht wirklich klar geworden. Die Frage nach dem Warum steht hier auch weniger im Vordergrund als die Qual, die jemand aus Liebe bereit ist, auszuhalten.

Kirchners Kunstbegriff und Erläuterung für die Wichtigkeit seiner Kameradschaft mit Erna lautet: Wer den Pinsel schwinge, spiele keine Rolle! Es gehe ums Werk! Gleichzeitig stellt er sich jedoch andauernd in den Mittelpunkt und das Leben auf der Hütte Wildboden in der Nähe von Frauenkirch und Davos dreht sich im Grunde nur um „das Werk“ und damit eben doch um ihn als den Werkschaffenden. Sie, seine langjährige Partnerin und Managerin, wie man vielleicht heute sagen könnte, durch eine Heirat abzusichern, steht zwar im Raum. Die Szene auf dem Standesamt in Davos wird dann jedoch kontrastiert mit Drogenkonsum und Machtmissbrauch! Während dieser hier deutlich lesbar wird, tritt er an anderen Stellen ganz sanft hervor durch böse, abwertende Kommentare, durch fehlende Wertschätzung oder Dankbarkeit und zuletzt auch massiv durch Verdrehung der Wahrheit und Projektion seiner eigenen Schwächen und Symptome auf sie.

Erna versucht, in all diesen täglichen Mikroaggressionen sich und den gemeinsamen Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Und dazu gehört für sie ein gewisses Maß an Verdrängung. Besonders deutlich war dies für mich in der Szene mit den gläsernen Ampullen am Ende des Buches. Erna fragt sich selbst, warum sie das Ausmaß Kirchners Sucht so lange nicht wahrgenommen hat, wo sie doch so deutlich sichtbar im und um das Haus herum verteilt war. Wie blind wird man, um etwas ertragen zu können? Ein spannendes Thema, das der Autor in seinem Romandebüt großartig umsetzt.

Es gelingt Constantin Lieb, mich wütend zu machen, auf Kirchner und auf Erna, auf alle, die die Fassade aufrecht erhalten. Ich muss Pausen machen beim Lesen. So sehr wühlt es mich auf. Und gleichzeitig verbindet mich das Geschilderte mit Erna. Ich sehne den Befreiungsschlag stellvertretend für sie herbei. Danach muss sie ihr Leben radikal überdenken. Zu welchem Schluss kommt sie? Diese Frage lässt das Buch für mich offen. Es bleibt unklar, ob sie, durch all ihre Erlebnisse verwirrt, in eine Traumwelt abtauchen wird oder zu uns Menschen und vor allem einem endlich wieder selbstbestimmten Leben zurück kehren wird. Lesenswert für alle, die bedrückende Schilderungen einer toxischen Beziehung aushalten können!