Leben im Schatten der Katastrophe

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herbstwindtraum Avatar

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Der Roman erzählt die letzten Jahre im Leben des Malers Ernst Ludwig Kirchner und seiner langjährigen Partnerin Erna Schilling im Schweizer Wildboden bei Davos. Vor dem Hintergrund der politischen Bedrohung durch den Nationalsozialismus entfaltet sich die Geschichte einer Beziehung, die zugleich von tiefer Verbundenheit und zunehmender Zerstörung geprägt ist.

Schon früh deutet der Roman an, dass die gemeinsame Geschichte auf eine Katastrophe zuläuft. Die Atmosphäre ist von Beginn an bedrückend: Kirchners psychische Verfassung verschlechtert sich, seine Morphiumsucht, seine Ängste und seine zunehmende Abkapselung von der Realität bestimmen den Alltag. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr Erna in ihrem Leben mit ihm aufgeht und wie abhängig sie von dieser Beziehung geworden ist. Sie versucht, ihn zu unterstützen und seinen Zusammenbruch aufzuhalten, obwohl sie zunehmend erkennen muss, dass sie dazu nicht in der Lage ist.

Besonders eindrücklich ist die Darstellung der Dynamik zwischen den beiden Figuren. Die wechselnden Perspektiven – einzelne Kapitel aus Kirchners, andere aus Ernas Sicht – machen die Spannungen zwischen ihnen sichtbar. Während Kirchner sich selbst als großen Künstler sieht und sein Werk zum eigentlichen gemeinsamen Lebensprojekt erklärt, erlebt Erna immer stärker die Enge und Belastung ihrer Existenz. Er ist auf ihre Organisation und Fürsorge angewiesen, begegnet ihr aber dennoch häufig herablassend. Beide verheimlichen Dinge voreinander, beide fühlen sich im Wildbodenhaus gefangen.

Der Roman zeichnet vor allem einen fortschreitenden Verlust von Sicherheit und Realität. Kirchner entwickelt Verfolgungsängste und hört schließlich Stimmen aus seinen eigenen Gemälden. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie weit seine Wahrnehmungen Ausdruck einer Erkrankung sind und wie weit sie auf reale Bedrohungen zurückgehen. Denn seine Angst vor Deutschland und dem Nationalsozialismus ist nicht ausschließlich Wahn: Als verfemter Künstler war Kirchner tatsächlich gefährdet. Gerade diese Ambivalenz gehört zu den interessanteren Aspekten des Romans.

Auch Ernas Entwicklung wird zunehmend zu einer Geschichte des Verlusts. Sie glaubt lange, Kirchner retten zu können, obwohl sie seiner Krankheit und seiner Selbstzerstörung letztlich nichts entgegensetzen kann. Nach seinem Suizid verschiebt sich der Fokus auf ihren Trauerprozess und die Frage, wie sie nach einem Leben, das so stark von ihm bestimmt war, eine eigene Zukunft finden kann. Besonders bitter ist dabei die Erkenntnis, dass Kirchner zwar eine Heirat mit ihr in Aussicht gestellt hatte, die notwendigen Schritte aber offenbar nicht konsequent verfolgte und letztlich sogar zurücknahm. Nach seinem Tod werden durch Erbstreitigkeiten und Dokumente weitere Widersprüche sichtbar, sodass auch die Frage offenbleibt, welche seiner Entscheidungen in welchem Zustand getroffen wurden.

Der Roman beruht auf umfangreichem historischem Material. Wie im Nachwort erläutert wird, wurden zahlreiche Briefe, Tagebücher, Fotografien und weitere Quellen herangezogen. Die Autorin verbindet belegte Ereignisse mit fiktionalen Elementen, montiert historische Zitate in Dialoge und ergänzt Szenen, die nicht dokumentiert sind. Diese Mischung ermöglicht zwar eine literarische Annäherung an Kirchner und Erna Schilling, erschwert aber zugleich die Einschätzung, wo historische Realität endet und dichterische Gestaltung beginnt.

Trotz des faszinierenden historischen Stoffes bleibt die Lektüre jedoch enttäuschend. Der Roman ist sehr langatmig und entwickelt kaum einen Sog. Die düstere Grundstimmung wird zwar konsequent aufgebaut, doch die ständige Erwartung des Unausweichlichen führt nicht zu Spannung, sondern eher zu einer ermüdenden Schwere. Man weiß früh, dass die Geschichte auf eine Katastrophe zuläuft, doch die Erzählung vermag es nur selten, die Leserin wirklich mitzunehmen oder emotional zu fesseln.

So bleibt vor allem der Eindruck eines sorgfältig recherchierten, aber literarisch wenig überzeugenden Romans. Die tragische Beziehung zwischen Ernst Ludwig Kirchner und Erna Schilling hätte viel Potenzial für eine eindringliche Auseinandersetzung mit Kunst, Abhängigkeit, Krankheit und politischer Bedrohung geboten. Die Umsetzung schafft es jedoch nicht, diese Themen in eine packende Erzählung zu überführen.