Mehr Wahnsinn als Genie

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Frauenkirch, 1936, in der Nähe von Davos. Hier leben Erna Schilling und der Künstler Ernst Ludwig Kirchner gemeinsam im Wildbodenhaus. Der Roman ist eine Biografie mit fiktiven Elementen. Erna ist selbst psychisch angeschlagen, fühlt sich in der Schweiz nie richtig angekommen und hat Sehnsucht nach Deutschland. Kirchner ist Eukodal abhängig und kämpft mit seinen eigenen Dämonen. Als sich die politische Situation in Deutschland immer weiter zuspitzt und zunehmend auch gegen Künstler vorgegangen wird, wird alles zu viel für ihn.

Kirchner ist ein exzentrischer Künstler, bei dem Genie und Wahnsinn erschreckend nah beieinanderliegen. Launisch, teils erniedrigend und vollkommen von sich selbst eingenommen, beherrscht er sein Umfeld und vor allem Erna mit einer unsichtbaren Macht. Sie wirkt fast verhuscht, jahrelang klein gehalten, unterschätzt und beinahe erstickt. Was sie dazu bewogen hat, bei ihm zu bleiben, bleibt mir bis zuletzt schleierhaft. Blinde emotionale Abhängigkeit, einseitige Liebe, whatever. Die beiden haben vereinbart, Kameraden zu sein, nicht mehr. Insgeheim hofft Erna jedoch auf mehr und Kirchner weiß das.

Ein Satz von Kirchner bei ihrem ersten Treffen ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:

„Geteilte Einsamkeit ist doch die schönste Form, an der Realität zu verzweifeln.“ (Zitat S. 79)

Der Schreibstil von Constantin Lieb ist bildhaft und nüchtern. Er schafft eine besondere Atmosphäre und zeichnet ein eindringliches Bild dieser Zeit. Was mir jedoch fehlte, war die emotionale Nähe zu den Figuren. Weder zu Erna noch zu Kirchner konnte ich eine wirkliche Bindung aufbauen. Gerade ihre außergewöhnliche und zugleich schwierige Beziehung hätte für mich mehr Tiefe gebraucht.

„Wildboden“ erzählt von tiefer Verbundenheit in dunklen Stunden, von Verlust und davon, wie aus innerer Stärke ein selbstbestimmtes Leben entstehen kann. Die Geschichte hatte für mich durchaus interessante und starke Aspekte, emotional erreicht hat sie mich jedoch leider nicht.