Niedergang eines Künstlers

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Niedergang eines Künstlers

Kurzmeinung: Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938) gewidmet. Hätte voll spannend werden können, aber es fehlt Substanz.

Inhalt: Die Idee ist wirklich ansprechend: Constantin Lieb geht im ersten Kapitel mit seinem Erzähler auf die Alb, er beschreibt die anstrengende Anreise: von Frauenkirch in der Schweiz kommt man nach einem zünftigen Fußmarsch zum Wildbodenhaus. In diesem Gehöft hat der Künstler Ernst Ludwig Kirchner zusammen mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling seine letzten Jahre verbracht. Gar nicht wenige sogar, mindestens 15 Jahre lang. Zunächst ist die Anbindung an die ansässigen Bauern gelungen. Aber Kirchner ist ein zu großer Freigeist als dass er sich mit dem Volk auf Dauer gemein machen könnte. Lieb beschreibt seinen Niedergang.

Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Nach dem vielversprechenden Anfang hätte ich keine Rückblende in die Zeit Kirchners und Erna Schillings erwartet oder gebraucht und dass die Person des Erzählers, der gerade im Wildbodenhaus angelangt ist, überhaupt keine Rolle mehr spielen würde, ist schade. Die persönliche Auseinandersetzung des unbekannten Wanderers, der die Alb erklimmt, um zu Kirchners Domizil zu kommen, wäre schon interessant gewesen. Vor allem, wenn er sich noch im Buch als Constantin Lieb enttarnt hätte.

Läßt man sich notgedrungen auf die EinszuEins-Rückblende ein, also als ob diese Rückblende Kirchners Jetztzeit wäre, ist man alsbald verwirrt, weil man viel Atmosphäre, aber wenig Informationen an die Hand bekommt. Wie sind wir hierher gekommen, was war vorher? Warum ist die Situation hoffnungslos?

Klar wird, dass sich der Künstler ins Hinterland zurückgezogen hat und dass er darunter leidet, dass er sich verstecken muss. Klar wird auch, dass seine Produktivität allmählich nachlässt, weil seine Morphiumsucht immer schlimmer wird. Und seine Paranoia. Es muss nicht leicht gewesen sein, mit diesem unberechenbaren Menschen zusammenzuleben. Auch das wird klar. Aber sonst kaum etwas. Leider.

Der Autor kann ohne Zweifel Atmosphäre. Aber wodurch fühlen sich die Anwohner so wahnsinnig bedroht und verfolgt, was haben sie vorher erlebt? Warum muss Erna auf Ludwig aufpassen, sie ist doch nicht seine Mama. Warum sehen sie überall Gespenster?

Constantin Lieb stellt vor Augen, wie selbstverliebt dieser Künstler gewesen sein muss und wie egozentrisch. Aber wie ist er dahin gekommen, war er immer schon so? Wieso kann der hiesige Arzt ihn ohne weiteres mit so viel Morphium versorgen? Natürlich leidet Ernst Ludwig Kirchner darunter, dass die Nationalsozialisten seine Gemälde und Werke für „entartet“ erklären, aber das allein ist doch kein Grund, am Leben zu verzweifeln. Man könnte einen Entzug machen, eine Weile Bauer spielen, es gibt immer Möglichkeiten. Warum ist Kirchner so kaputt? Ein Sanatorium wäre in der Nähe, wie wir erfahren.

Abgesehen von der Atmosphäre des Niedergangs eines kranken Gemüts ist der Informationsgewinn für eine Künstlerbiografie dürftig. Es gibt zwar informationsvermittelnde Dialoge, die eben dazu dienen sollen, den Leser über Hintergründe zu informieren vor allem über den künstlerisch-philosophischen Überbau. Sie sind zu künstlich, langweiliges theoretisches Blabla und funktionieren allein schon deshalb nicht, weil man deren Absicht durchschaut und dementsprechend verstimmt ist. Sie sind hölzern, wirken eher hilflos als authentisch, weisen auf fehlende erzählerische Mittel hin.

Ansonsten greift die Handlung viel Belangloses auf. Dabei hätte es so viel zu entdecken gegeben in diesem Künstlerleben.

Fazit: Ein spannendes Sujet, das mich magisch angezogen hat. Der Versuch eines Denkmals eines farbenfroh agierenden Künstlers, aber leider eine enttäuschende, relativ substanzlose Lektüre, die sich auf einen kleinen Ausschnitt des Künstlerlebens beschränkt, den Erzähler zu früh aus dem Spiel nimmt, und viele Fragen offen lässt. Trotzdem ist schriftstellerisches Talent vorhanden, es hakt allein an der Ausarbeitung.

Kategorie: historischer Roman: Künstlerbiografie
Verlag: Insel, 2026