Sehr gelungenes Romandebüt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
caro_si Avatar

Von

Ich war gespannt auf dieses Buch. Das Cover im Stil von Ernst Ludwig Kirchner hat mich sofort angesprochen. Der Kontrast zwischen kräftigen hellen und schwarzen, dunklen Farben, in strengen Linien im Vordergrund, und den verwaschenen Umrissen der hohen Berge im Hintergrund, weist im Zusammenhang mit dem Klappentext auf reichlich emotionale Spannungen und Widersprüche hin. Für einen Debütroman finde ich das Thema, die letzten Lebensjahre eines Ausnahmekünstlers, sehr ambitioniert. Aber dem Autor gelingt ein beeindruckender Roman. Die Sprache ist ruhig, reduziert auf das Nötigste, so wie ihr beider Leben vielleicht auf den ersten Blick scheint. Abgelegen in den Bergen in der Nähe von Davos, inmitten von reservierten Schweizern, erscheint das Leben der beiden wie in einem Kammerspiel. Ihr Leben ist unablässig geprägt von den Spannungen, die in Kirchner innewohnen: mal Genie, mal Wahnsinn, mal selbstzerstörerisch, egozentrisch, immer begleitet von seiner starken Morphinsucht, aber auch von den Bedrohungen der politischen Veränderungen in Deutschland, die die Zerstörung seines Lebenswerkes zur Folge haben könnten. Unzählige Werke werden beschlagnahmt, er wird aus der preußischen Akademie ausgeschlossen, was seinen Schaffensdruck noch erhöht. Doch Erna gibt ihm die nötige Stütze, hält seine Schikanen aus. Dies ist nicht nur ein Blick auf die letzten Jahre eines außergewöhnlichen Künstlers und seine unterschiedlichsten Kämpfe. Es ist aber auch eine Hommage an eine starke Frau an seiner Seite. Erna, ihrerseits mit Depression kämpfend, ist zugleich Muse, Lebensgefährtin, Haushaltshilfe, und Fußabtreter, kümmert sich um das Geschäftliche, kämpft um die materielle Existenz, stellt ihr Leben für ihn hinten an. Sie ist der Fels in der Brandung, wie so manch eine, ohne die viele Künstler nicht überleben können. Es ist beeindruckend, wie es dem Autor gelingt, mit klarer, undramatischer Sprache und wertungsfrei beide Charaktere in all ihren Facetten darzustellen. Er gerät nicht in Versuchung, Kirchner auf einen Sockel zu stellen, und schafft es mühelos, die vorherrschende dunkle Atmosphäre mit all den inneren und äußeren Kämpfen unvoreingenommen vor unserem Auge entstehen zu lassen. Absolut lesenswert.