Super Buch!

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matteo19 Avatar

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Bereits der erste Blick auf das Buch verspricht ein besonderes Leseerlebnis. Die Gestaltung von „Wildboden“ fängt die Essenz des Inhalts perfekt ein: Das Cover wirkt gleichermaßen rau und poetisch. Es spiegelt die alpine Einsamkeit von Davos und die Zerrissenheit der Protagonisten wider. Die Ästhetik erinnert an die expressionistische Farbgewalt von Ernst Ludwig Kirchner selbst und setzt das Buch auch optisch im Regal wunderschön in Szene.
Constantin Lieb wählt für sein Debüt ein faszinierendes Thema: Die letzten, von Krankheit und politischem Druck überschatteten Jahre des Malers Ernst Ludwig Kirchner in der Schweiz, erzählt aus der Perspektive seiner Lebensgefährtin Erna Schilling. Die Umsetzung dieser historischen Vorlage ist absolut gelungen. Anstatt eine klassische, chronologische Biografie herunterzuerzählen, konzentriert sich der Roman auf zwei Zeitebenen. Dadurch entsteht eine dichte, fast kammerspielartige Atmosphäre, die ohne jegliche Spoiler eine immense emotionale Spannung aufbaut.
Besonders herausragend ist der Schreibstil. Als preisgekrönter Drehbuchautor (unter anderem für Fabian oder Der Gang vor die Hunde) beweist Lieb ein extremes Gespür für filmische Bilder und präzise Dialoge. Seine Sprache ist poetisch, aber niemals überladen. Er schafft es mit wenigen Worten, die bedrohliche Kulisse der 1930er-Jahre und Kirchners von Morphiumsucht und Paranoia geplagte Innenwelt spürbar zu machen.
Die Figuren sind der emotionale Anker des Buches. Sie wirken schonungslos authentisch. Kirchner wird hier nicht als unfehlbares Genie romantisiert, sondern in all seiner Zerrissenheit, Egozentrik und Verletzlichkeit gezeigt. Das eigentliche Herzstück des Romans ist jedoch Erna Schilling. Ihre Stärke, ihre Aufopferung im Alltag und ihr späterer, selbstbestimmter Kampf um das gemeinsame Erbe nach Kirchners Tod sind psychologisch tiefgründig und absolut glaubwürdig ausgearbeitet.
Für mich war das Buch vor allem deshalb so interessant, weil mich Künstlerbiografien faszinieren, die den Fokus auf die oft vergessenen Personen im Schatten des Genies legen. Lieb zeigt eindrucksvoll, dass hinter der Kunst immer auch ein schmerzhafter menschlicher Tribut steht. Seine Erfahrung als Dramaturg hebt diesen Roman weit über den Durchschnitt herkömmlicher historischer Fiktion hinaus.
Fazit und Empfehlung
„Wildboden“ ist ein sprachlich brillantes, emotional packendes Debüt, das Kunstgeschichte lebendig werden lässt. Constantin Lieb gelingt das Kunststück, ein düsteres Kapitel voller Sucht und Isolation in eine feinsinnige Hommage an die Resilienz einer starken Frau zu verwandeln.
Ich empfehle dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die anspruchsvolle historische Romane, tiefgründige psychologische Porträts und literarische Biografien schätzen. Wer Bücher über die Kunstwelt des frühen 20. Jahrhunderts mag, wird dieses Werk lieben.