Zwischen Kunst, Exil und Verlust

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Wildboden von Constantin Lieb ist ein ruhiger Roman, der historische Fakten - basierend auf den Briefen von Erna Schilling und Ernst Ludwig Kirchner - mit literarischer Fiktion verbindet. Dadurch entsteht das Gefühl, den beiden Menschen sehr nahe zu kommen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Erna Schilling, der Lebensgefährtin und engsten Vertrauten des Malers. Ihr Alltag dreht sich fast vollständig um Kirchner: Sie führt den Haushalt, erledigt seine Korrespondenz und sorgt dafür, dass es ihm trotz seiner körperlichen und seelischen Erkrankungen möglichst gut geht. Auch Kirchners Morphiumsucht und seine Depressionen werden dargestellt.

Der Roman vermittelt nachvollziehbar, unter welchem Druck deutsche Künstler im Exil während des Aufstiegs des Nationalsozialismus standen. Die bedrückende Stimmung schwingt dabei stets im Hintergrund mit und verstärkt die ohnehin melancholische Atmosphäre.

Der Tod Kirchners bildet zwar den emotionalen Höhepunkt der Geschichte, doch besonders gefallen hat mir, dass der Roman an dieser Stelle nicht endet. Erna bleibt auf Wildboden, und ihre Gedanken kreisen auch nach seinem Tod weiterhin um den Mann, den sie über viele Jahre begleitet hat, und um sein künstlerisches Vermächtnis.

An manchen Stellen empfand ich die Handlung allerdings als etwas langatmig. Wer einen spannungsreichen Roman erwartet, wird hier vermutlich nicht fündig. Dafür nimmt sich Constantin Lieb viel Zeit für Figuren, Atmosphäre und leise Zwischentöne. Positiv fand ich, dass der Autor einige Fragen bewusst offen lässt, um dem Leser anzuregen, eigene Reflexionen anzustellen.

Insgesamt ist Wildboden ein einfühlsamer, sorgfältig recherchierter Roman über Kunst, Krankheit, Verbundenheit und Verlust – ruhig erzählt, atmosphärisch dicht und besonders für Leserinnen und Leser interessant, die sich für Kunst und diese bewegte Epoche interessieren.