Die heilende Kraft der Natur

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„Wilder Honig“ ist ein sehr entschleunigender, beruhigender Roman, der es trotz seiner ernsten und traurigen Ausgangslage schafft, dem Leser ein tröstliches und optimistisches Grundgefühl zu vermitteln. Drei Frauen – jede mit ihrer eigenen Art von Gepäck der Vergangenheit – durchleben in einem Haus inmitten eines Obstgartens den Lauf der Jahreszeiten, erfahren die Hoffnung, die der Natur innewohnt und finden so durch den Einfluss ihrer Umgebung zu einer Heilung alter Wunden und Verletzungen und dies alles ohne dass die drei sehr viel miteinander sprechen. Es ist eher ein allmähliches Zusammenwachsen, das wesentlich durch das parallele Nebeneinanderleben erzeugt wird. Natur, Heilung, Jahreszeiten – das alles mag jetzt allzu idyllisch und womöglich auch esoterisch klingen, doch auch wenn die Beschreibungen der umgebenden Landschaft wirklich sehr schön und gelungen sind und der Roman sich einfach wunderbar liest, so ist er doch weit von Kitsch und Spiritualität entfernt, sondern erlangt durch seine Nutzung des Gartens und der Natur als Metapher und Handlungsspiegel eine elegante literarische Tiefe.

Neben dem eigentlichen Handlungsverlauf greift der Roman auf insgesamt elf Briefe zurück, verfasst von John, dem verstorbenen Ehemann einer der drei Frauen, Hannah. Da Johns und Hannahs Ehe zentral für die Geschichte ist, geht man als Leser mit einer gewissen Erwartungshaltung an Johns Ausführungen heran. Während die Briefe durch den Perspektivwechsel sehr viel Abwechslung in den Roman bringen und mit ihren Erläuterungen zum Leben der Bienen interessante Informationen bieten und so auch als erweiterter Kommentar zur Handlung interpretiert werden können, erfüllen sie doch das, was der Leser sich gewünscht hätte, letztlich nicht. Zu vage umschiffen sie die eigentliche Kernfrage, sodass ihre Lektüre letztlich doch etwas unbefriedigend bleibt – auch wenn man selbstverständlich auch im wahren Leben nicht auf alle Fragen eine Antwort bekommt.

Insgesamt ist „Wilder Honig“ trotz dieses ungelösten Rätsels und eines zu vorhersehbaren Handlungsteils eine schöne und empfehlenswerte Leseerfahrung – gerade im Winter, wenn die Natur zur Ruhe kommt und man vielleicht nach einer ruhigen und wohltuenden Lesefreude sucht, die daran erinnert, dass es auch wieder einen neuen Frühling geben wird.